Logitech ist nicht das neue Nokia

Wenn man manchem Zeitungsbericht glaubt, steckt Zubehörspezialist Logitech in einer Krise. Der Grund: Wieder einmal soll der PC gestorben sein, und damit sei zugleich Logitechs Geschäftsmodell die Grundlage entzogen. In Wahrheit sieht die Lage nicht so bedrohlich aus.

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Von
  • Damian Sicking

Liebe Logitech-Mitarbeiter,

jetzt ist die Kacke aber mal so richtig am Dampfen, wie man so schön bildhaft zu sagen pflegt. Logitech steckt in einer Krise. Das behauptet zumindest die Financial Times Deutschland (FTD), nach dem die Quartalszahlen des Anbieters von PC-Ergänzungsprodukten (Mäuse, Tastaturen, Lautsprecher etc.) enttäuschend ausgefallen waren. Was ist da los? Logitech habe, so der Kollege Tobias Bayer von der FTD, gepennt und daher nicht mitgekriegt, dass der PC tot sei, ermordet vom Tablet-Computer (iPad etc.). Und weil keiner mehr PCs kaufe, brauche auch niemand mehr die schönen Zubehörprodukte von Logitech, meint Bayer. Und marktfähige Produkte für die Notepads habe Logitech nicht zu bieten. Also Krise, so wie bei Nokia, dem momentan bekanntesten Unternehmen, wenn es ums Verpassen von Marktentwicklungen geht.

Liebe Logitech-Mitarbeiter, ist die Lage bei Ihnen wirklich so schlimm? Was haben Sie gedacht, als Sie den FTD-Artikel gelesen hatten? Schreiben Sie schon Bewerbungen, weil Sie fürchten, dass das Schiff untergeht? Vor kurzem hat Ihr Chef Gerald Quindlen die Zahlen für das Geschäftsjahr 2010/11 (31.3.) vorgelegt. Gar nicht so schlecht eigentlich. Der Umsatz kletterte um 20 Prozent auf 2,36 Milliarden Dollar nach oben, der operative Gewinn verbesserte sich um sehenswerte 82 Prozent auf 143 Millionen Dollar. Sind das Zahlen eines Unternehmens, das sich in einer Krise befindet? Okay, die selbst gesteckten Erwartungen waren etwas höher. Aber wenn man jedem Unternehmen, das im Laufe eines Geschäftsjahres seine Prognose nach unten korrigiert, sofort eine Krise attestiert, dann stecken permanent viele Firmen in einer Krise.

Eins ist allerdings richtig: Das vierte Quartal war enttäuschend, ausgerechnet das vierte Quartal. Vor allem in Europa, in Afrika und im Nahen Osten liefen die Geschäfte schlecht; der Umsatz ging hier um 17 Prozent zurück. Dank guter Geschäfte in Asien (plus 32 Prozent) und Amerika (plus 11 Prozent) konnte Logitech zwar noch insgesamt einen kleinen Umsatzzuwachs ausweisen, aber der Nettogewinn krachte runter: von 24,5 auf nur noch 2,8 Millionen Dollar. Firmenchef Quindlen war selbst überrascht von dieser unerfreulichen Entwicklung: Noch im Januar hatte er die Umsatz- und Gewinnprognose angehoben, um sie nur kurz darauf wieder zurückzunehmen. So etwas mögen die Kapitalanleger natürlich gar nicht; viele stießen ihre Logitech-Aktien ab, der Kurs brach massiv ein.

Die Frage ist: Muss man die Dinge so sehen wie FTD-Redakteur Tobias Bayer? Ist der PC wirklich tot (wieder einmal?)? Sind die Logitech-Produkte wie Tastaturen, Lautsprecher oder Webcams für Tablet-Computer nicht zu gebrauchen? Sind die Logitech-Mitarbeiter ein verschlafener Haufen von Menschen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen? Sicher hat Bayer Recht, wenn er schreibt, dass Tablets und Smartphones "nicht zwingend" Produkte von Logitech benötigen. Aber gilt das nicht genauso für die herkömmlichen PCs und Notebooks? Braucht man dafür "zwingend" eine externe Tastatur oder eine Maus? Wohl nicht. Wie man hört, hat Logitech zudem einige Pfeile im Köcher, die auf das Notepad-Segment abzielen, und die in den kommenden Monaten nach und nach auf den Markt kommen sollen. Ich bin gespannt.

Logitech-Chef Quindlen macht für das unschöne vierte Quartal vor allem eigene Fehler im Channel-Geschäft in der EMEA-Region verantwortlich. Seinen Angaben zufolge ist die Schwäche temporärer und nicht struktureller Natur. Quindlen geht zwar nicht ins Detail, aber so viel ist klar: Logitech hat seinen Vertriebspartnern in Bezug auf Preise und Margen in den ersten Monaten dieses Jahres nicht das geboten, was diese brauchen. Konsequenz: Die Händler verkauften lieber die Produkte von Logitech-Wettbewerbern wie zum Beispiel Microsoft. Inzwischen habe Logitech auf die Situation reagiert, auch personell. Dennoch werde es ein paar Monate brauchen, bis die Dinge wieder vollständig in Ordnung gebracht seien, teilte Quindlen mit.

Wie sind nun die Aussichten für das "Krisen-Unternehmen" Logitech? Der Firmenchef selbst ist optimistisch, im Geschäftsjahr 2011/12 den Umsatz um zehn Prozent und den operativen Gewinn um 30 Prozent zu steigern. Wenn Sie, liebe Logitech-Mitarbeiter, das hinkriegen, dann kann man sich nur möglichst viele Firmen wünschen, die sich so wie Logitech in einer "Krise" befinden.

Beste GrĂĽĂźe!

Damian Sicking

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