Signale aus dem Khyberspace
Unterschiedlich sind die Wege aus der Moderne in die Hypermoderne: Während die einen mit Disketten im Nichts enden, schleppen die anderen die Großstadt ins Grüne.
- Peter Glaser
Unterschiedlich sind die Wege aus der Moderne in die Hypermoderne: Während die einen mit Disketten im Nichts enden, schleppen die anderen die Großstadt ins Grüne.
Ich glaube ja, dass die Amerikaner Osama bin Laden gefunden haben, weil er nicht auf Facebook war. Dass sein kleines Fort im pakistanischen Abbottabad – in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa gelegen –, anders als die umliegenden Anwesen, über keinen Telefonanschluß und keine Internetanbindung verfügte, hat bei den Ermittlern rote Lämpchen aufleuchten lassen. Heute macht sich verdächtig, wer sich noch keinen Zugang zu den Andachtsmöglichkeiten in der digitalen Weltkirche verschafft hat.
Das Ganze erinnert an die von BKA-Chef Horst Herold ersonnene Rasterfahndung, die 1979 zur Festnahme eines RAF-Terroristen führte. Die Polizei wusste damals zwar, dass die RAF unter falschen Namen Wohnungen in Frankfurt am Main angemietet hatte, aber nicht wo. Man wusste: die Gesuchten würden ihre Stromrechnung nicht von einem Konto, sondern in bar bezahlen, das waren zu der Zeit in Frankfurt etwa 18.000 Menschen. Aus dieser Gruppe wurden von dem per Gerichtsbeschluss beschlagnahmten Magnetband mit den Daten so lange legale Namen herausgelöscht – alle, die als gemeldet, Bafög-Bezieher, Fahrzeuginhaber ec. legitimiert waren –, bis nur noch zwei Namen übrigblieben: der eines Rauschgifthändlers und der des gesuchten Rolf Heißler.
Die Transformation des Onlineseins von etwas, das man per Einwählverbindung frequentiert, hin zu einer Omnipräsenz, mehr noch: zu etwas, das naturnotwendig vorhanden sein muss wie Sauerstoff, ist in vollem Gang. Die eine Fraktion seufzt gequält auf, wenn sie im Zug sitzt und die Verbindung wieder einmal während der Durchquerung der Great Plains zwischen Berlin und Hamburg abbricht und man sich zurückgeworfen sieht auf das blanke bisschen Nahbereich um einen rum, und die ganzen Dateien auf seinem [bitte ein tragbares Digitalgerät der Wahl einzusetzen] nur noch mit verdorrten, erkalteten Links weitgehend unbenutzbar vorhanden sind.
Was denjenigen, dem das Onlinesein zu einem so unvermeidlichen Bedarf geworden ist wie früher die Zigarette, aber vor allem in die Krise stürzt, ist das Gefühl, abgehängt zu sein – "eilig und eine irre Furcht in den Augen: Sind wir auch noch modern? Gehören wir auch noch dazu?", wie Kurt Tucholsky eine Vorahnung dieses süchtigen Lebensgefühls bereits im Jahre 1930 beschrieb.
Dieser Weg aus der Moderne in die Hypermoderne zeigt sich vielen als rascher Wechsel von immer schlankerer, leistungssatterer Gerätschaft, von immer größerer Übertragungskapazität, von wie Fettaugen auf einer Suppe zu einem einzigen Riesenfettauge zusammenwachsenden WLAN-Hotspots. Er lässt einen zugleich staunen angesichts der anachronistischen Artefakte, die in dem Haus von Bin Laden gefunden wurden. Disketten! Der Mann, der das Böse modernisiert hat, indem er an einem Dienstag im September zivilisatorische Schranken niedergerissen hat, die in Jahrhunderten errichtet worden sind, benutzte Medien, die im Rest der Welt praktisch nur noch als Tapetenmuster oder Limonadenglasuntersetzer benutzt werden.
Neben den in die digitale Welt Voraneilenden gibt es aber auch noch eine andere Fraktion, die nicht maschinenstürmerisch dagegen ist, aber gern eine gewisse Maschinenfreiheit bewahrt haben möchte. (Waschechte Maschinenstürmer sind deshalb so selten, weil sowohl Computer als auch das Internet so viel an Komfort und neuen Möglichkeiten mit sich gebracht haben, dass offenbar sogar Virenangst und fortgesetzter Datenmissbrauch sie nicht aufwiegen.) Ich spiele selbst manchmal mit der Frage, ob die Herausgeber der altehrwürdigen "Merian"-Hefte den Sprung auf den neuen Kontinent wagen und die digitale Welt als neuen Erdteil anerkennen werden, vor allem aber, ob es noch rechtzeitig eine Merian-Sonderausgabe "Die letzten Funklöcher Europas" geben wird, ehe sie aussterben.
Es sind, sieht man von Leuten wie Bin Laden ab, die sich darin zu verkriechen versuchen, im übrigen Zonen der Ruhe, Besinnungsbereiche, Orte der absolut analogen Anwesenheit. Der unausgesetzte Datenstrom im Netz hat etwas sehr Großstädtisches, an dessen Vielfalt und Lichterglanz man sich freuen kann. Manchmal aber möchte man hinaus ins Grüne, und wenn man nun aber das Rauschen der Stadt stets mit dabeihat, wird auch dort, wo weithin Raps blüht und ein schmaler Weg am Knick entlangführt, alles virtuell verstädtert und binärer Beton aufgefahren. Das Ozonloch wird größer, die Funklöcher schrumpfen: Anfang Mai sandte der britische Bergsteiger Kenton Cool den ersten Tweet und die erste Facebook-Statusmeldung vom Gipfel des Mount Everest. (bsc)