Photovoltaik
Einst als Wegbereiter gefeiert, droht die Photovoltaik inzwischen zum Buhmann zu werden. Experten diskutieren deshalb über gerechtere Konzepte zur Solarförderung, und entwickeln Managementsysteme, um einen Kollaps der Netze zu verhindern.
- Bernd MĂĽller
Einst als Wegbereiter gefeiert, droht die Photovoltaik inzwischen zum Buhmann zu werden. Experten diskutieren deshalb über gerechtere Konzepte zur Solarförderung, und entwickeln Managementsysteme, um einen Kollaps der Netze zu verhindern.
Subventionen haben kein gutes Image. Sie verzerren Märkte und belasten die Bevölkerung. Doch weil sie angeblich Arbeitsplätze sichern, greifen Politiker nur ungern zum Rotstift. Kommt dann als Argument noch der Klimaschutz hinzu, öffnen sich alle Förderschleusen. Wie bei der Photovoltaik. Die boomt, weil sie mit viel Geld aufgepäppelt wurde. Jetzt warnen Ökonomen vor einer Überförderung der Solarbranche. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist demnach eine Zwangsumverteilungsanlage für Geld, mit dem Stromkunden – und zwar alle – den Ausbau der Solarenergie unterstützen müssen. Zehn Milliarden Euro haben so bereits den Besitzer gewechselt, bis 2030 kommen voraussichtlich noch einmal 81,5 Milliarden hinzu – und das nur für Solaranlagen, die in den letzten zehn Jahren gebaut wurden. Korrekturversuche am Fördersystem scheiterten stets am Widerstand der Hersteller, die dank EEG saftige Gewinne einfahren.
Umso verblüffender ist der Sinneswandel, den der Bundesverband Solarwirtschaft im vergangenen Jahr verkündete. Man sei bereit, eine maßvolle Absenkung der Solarstromförderung im Erneuerbare-Energien-Gesetz zu unterstützen.
Umweltminister Norbert Röttgen griff sofort zu und zog eine für 2012 ohnehin geplante Absenkung des Fördersatzes vor. Je nach Marktwachstum soll die Einspeisevergütung schon zum 1. Juli dieses Jahres um bis zu 15 Prozent sinken.
Wenn ein Verband die Bevorzugung der eigenen Branche in Zweifel zieht, dann muss schon einiges faul sein an dem Gesetz, das einst geschaffen wurde, um Deutschland zum Sonnenkönig der Energiewirtschaft zu machen.
Eigentlich ist das EEG, das von vielen guten Vorsätzen begleitet im Jahr 2000 in Kraft trat, eine Erfolgsstory, die keiner der Initiatoren der damals rot-grünen Bundesregierung vorhergesehen hatte. Sein Ziel, den raschen Ausbau der Photovoltaik, hat es mit Bravour erreicht. Allein 2010 installierten deutsche Investoren 7400 Megawatt elektrische Leistung auf ihren Dächern oder in Solarparks, fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor (3800 Megawatt), in dem es auch schon eine Verdopplung gegenüber 2008 gegeben hatte. Damit steigerte sich die installierte Gesamtleistung auf 17300 Megawatt.
Wer eine Photovoltaikanlage aufs Dach baut, bekommt 20 Jahre lang eine festgelegte Einspeisevergütung, die seine höheren Kosten im Vergleich zum normalen Strompreis ausgleicht (siehe TR Spezial „Energie“). Die Vergütung sinkt zwar mit den Jahren, ist aber dennoch so lukrativ, dass ein wahrer Run auf die Solarmodule eingesetzt hat. Das rächt sich jetzt. 2010 schraubte sich die EEG-Umlage für regenerative Energien, die der Endverbraucher zahlen muss, auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde. 1,5 Cent – also etwa 40 Prozent – entfallen davon auf die Photovoltaik, obwohl diese nur zwölf Prozent zum Ökostrommix beisteuert. Und der Anteil wird vermutlich noch steigen, auch wenn Günther Cramer, Präsident des Bundesverbands Solarwirtschaft, abzuwiegeln versucht: „Selbst bei einem ambitionierten Ausbau der Photovoltaik wird sich die Solarstrom-Umlage für Verbraucher bei rund zwei Cent je Kilowattstunde einpendeln.“
Die enorme Wachstumsdynamik, die niemand beim Start des EEG voraussehen konnte, hat das Fördersystem an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Denn ihm fehlt eine eingebaute Bremse, die einen ungezügelten Ausbau von Solaranlagen verhindert. Zuletzt hat das Bundesumweltministerium in immer rascherer Folge Abschläge beim Fördersatz vorgenommen. Doch die Bauwut hat das kaum vermindert, weil die Rendite einer Photovoltaikanlage dank fallender Anlagenpreise immer noch höher und vor allem sicherer ist als bei jeder anderen Anlageform. Ein Herumdoktern an Zehntelcent pro Kilowattstunde Solarstromvergütung reicht nicht mehr aus, um die extreme Schieflage des EEG zu stoppen.
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz muss dringend reformiert werden. Aber wie? Den Solarboom abwürgen will niemand, schließlich gilt er als Ass im Ärmel, wenn die derzeit abgeschalteten sieben ältesten Atommeiler tatsächlich nicht wieder ans Netz gehen dürfen und bis 2020 endgültig Schluss sein soll mit der Kernenergie in Deutschland, wie es sich nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima abzeichnet.
Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten, das EEG zu modernisieren. Variante 1: Das bisherige Fördersystem wird beibehalten, aber mit straff angezogenen Zügeln, das heißt mit einer kontinuierlich sinkenden Einspeisevergütung, die den Bau neuer Solaranlagen nicht abwürgt, die sich andererseits aber auch nicht als Lizenz zum Gelddrucken missbrauchen lässt. Betreiber großer Freiflächenanlagen konnten bisher nämlich mit satten 20 Prozent Rendite rechnen. Keinesfalls darf es zu einer Deckelung der Förderung wie in Spanien kommen, wo nicht die Stromkunden die Umlage bezahlen, sondern das Geld aus dem Staatssäckel stammt. Die Spanier fördern deshalb inzwischen jedes Jahr nur noch 500 Megawatt neue Photovoltaikleistung. Wird mehr gebaut, ist das ein teures Privatvergnügen des Bauherren. Im sonnenverwöhnten Spanien hat diese knauserige Politik die Solarindustrie fast vollständig zum Erliegen gebracht.
Mutiger und wohl auch zukunftsweisender wäre Variante 2: ein radikaler Umbau des EEG. Wie so ein Umbau aussehen könnte, hat das Fachmagazin „Photon“ im April-Heft 2010 in einem Fünf-Punkte-Plan zu Papier gebracht. Er begreift das EEG nicht mehr nur als Anreiz, um möglichst viele Quadratmeter Solarzellen auf die Dächer zu bringen, sondern als Baustein für einen Umbau der Stromversorgung in Deutschland. Darin kehrt sich die Förderlogik um – von der reinen Kalkulation der Umlage auf Basis der Einspeisung zu einer Betrachtung des tatsächlichen Bedarfs. Wird heute Sonnen- oder Windstrom eingespeist, muss der Verbraucher ihn per EEG-Zwangsabgabe bezahlen, egal ob er den Strom braucht oder nicht. Das entkoppelt Angebot und Nachfrage und führt dazu, dass sich kein echter Markt entwickeln kann. „Das EEG braucht dringend ein energiewirtschaftliches Steuerungselement“, fordert Stephan Kohler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur (dena). Die fünf Forderungen des ...
Die Fokus-Artikel aus Technology Review 6/2011 im Einzelnen:
- Energiekonzept: Die Solarförderung muss reformiert werden
- Module: Neue Konzepte beflĂĽgeln Siliziumtechnik
- Wechselrichter: Die Stromwandler sollen helfen, das Netz zu regulieren
- Speicher: Akkus lagern den selbst gemachten Sonnenstrom
- Umweltschutz: Solarhersteller mĂĽssen ihre Ă–kobilanz verbessern
(kd)