Die Rache der norddeutschen Tiefebene
Die neue EHEC-Infektionswelle hat mit Rohkost nichts zu tun. Das Problem dĂĽrfte die industrielle Rinderhaltung sein, die die Tiere in Bioreaktoren fĂĽr Kolibakterien verwandelt.
- Niels Boeing
Heute nachmittag habe ich frische Erdbeeren gekauft, ich konnte nicht anders. Doch seitdem sie in der Küche stehen, beäuge ich sie argwöhnisch. Als Hamburger frage ich mich: Ist da womöglich auch EHEC dran?
EHEC steht für Enterohämorraghische Escherichia coli, ein Bakterium, das seit einigen Tagen vor allem in Norddeutschland grassiert und heftigen Durchfall, gar Nierenversagen hervorrufen kann. Mediziner rätseln noch, woher diese besonders bösartige Variante stammt, die bisher drei Todesopfer gefordert hat. Gemutmaßt wird, dass die Übertragung über Rohkost erfolgt ist.
Daraus sollte man aber nicht den Schluss ziehen, dass nun auch Gemüse zum Problem wird. Die EHEC-Stämme bilden sich in den Mägen von Wiederkäuern. Das Robert-Koch-Institut hatte bereits 2003 Studien durchgeführt, die darauf hindeuten, dass EHEC-Infektionen in Gebieten mit hohem Rinderbestand häufiger vorkommen (siehe dazu EHEC-Infoseite des RKI).
Als ich die erste Nachricht über die neue Seuche las, fiel mir sofort der Film "Food Inc." ein, den ich kürzlich im Fernsehen gesehen hatte. Darin gibt es eine Szene, in der ein Veterinärmediziner einer Industriekuh durch eine künstliche Fistel in den Pansen greift (die Szene gibt es auf Youtube). Mir wurde bei dem Anblick fast schlecht. Was ich bis dahin nicht wusste: Weil die industriell gehaltene Kühe vor allem mit Mais gefüttert werden, bilden sich deutlich mehr Kolibakterien im Magendarmtrakt der Rinder als sonst.
Die Belastung ist so hoch, dass es in den USA inzwischen eigene Fabriken gibt, die hochbelastestes Rindfleisch von den Bakterien reinigen. Die übliche technokratische Lösung: Anstatt die Tiere Gras fressen zu lassen, worauf die Evolution ihre Mägen ausgelegt hat, löst man das Problem technisch. Irgendwie rechnet sich das besser.
Entscheidend an diesem Irrsinn ist aber: Industrielle Rindermägen sind im Prinzip Bioreaktoren, um die Mutationen von Kolibakterienstämmen energisch voranzutreiben – und die Antibiotika-Resistenz gleich mit. Mit der Gülle als Dung können sie dann auch auf Obst- und Gemüsefelder kommen.
Der Mikrobiologe Helge Karch hat auf ZEIT online die Vermutung geäußert, "dass wir es mit einem neuen Typ EHEC-Bakterien zu tun haben". Und hinzugefügt: "Das Ausmaß [des Krankheitsverlaufs] hat mich schon erschüttert."
Ich bin mir sicher, dass in den kommenden Tagen dieser Abgrund einer fleischversessenen Gesellschaft noch in den Mittelpunkt rĂĽcken wird. Das sollte er auch. Mit Rohkost hat das Ganze nichts zu tun.
Aber wir wissen auch, dass sich nichts ändern wird. In drei Wochen ist EHEC wieder genauso Schnee von gestern wie der Skandal mit Dioxin im Hühnerfutter.
Zumindest erinnert uns EHEC daran, dass wir Menschen mitnichten keine natürlichen Feinde mehr haben. Bakterien und – wenn wir sie als Lebewesen gelten lassen – Viren sind durch ein Stahlbad aus drei Milliarden Jahren Evolution gegangen. Da sieht der Homo sapiens ziemlich grün hinter den Ohren aus. Und das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Von Zeit zu Zeit auftretende Epidemien sind der Lauf der Dinge. Da sollten wir uns besser nicht noch selbst welche züchten.
(nbo)