ProzessorgeflĂĽster
AMDs Bulldozer kommt wohl doch ein bisschen später, Intel baut neue Sicherheitsfeatures in die Prozessoren ein und will die Atom-Entwicklung „übermooresch“ beschleunigen, und auf der Computex geht die Tablet-Schlacht los.
- Andreas Stiller
Die zahlreichen auf der Computex vorgestellten Boards mit AM3+-Sockel müssen möglicherweise doch noch etwas länger leer bleiben als gedacht – jedenfalls bis mindestens Ende Juli. Nach bislang unbestätigten Informationen, die Anand Lal Shimpi von Anandtech den taiwanischen Board-Herstellern entlocken konnte, soll der Bulldozer-Prozessor im aktuellen B1-Step noch einige Probleme bereiten, wie es heißt vor allem in puncto Performance. Die will AMD vor dem Launch mit einem weiteren Stepping (B2) aus der Welt schaffen. Damit liegt AMD aber weiterhin grob im Rahmen des alten Zeitplans, nur das erhoffte Vorziehen bleibt eben aus. Auf der Messe dürfte AMD ohnehin mit dem neuen Llano-Prozessor – ein Phenom mit integrierter DirectX-11-Grafik – genug zu tun haben und genügend Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Und vielleicht kann AMD ja die Verzögerung zusätzlich nutzen, um dem Bulldozer-Prozessor noch Intels neuestes Sicherheitsfeature namens SMEP (Supervisor Mode Execution Protection) beizubringen, das in der nächsten Prozessorgeneration Ivy Bridge eingebaut sein wird. Damit kann man verhindern, dass Code im ungeschützten User-Bereich aus dem Supervisor Mode (Ring 0) heraus ausgeführt wird. Solche Callbacks sind nämlich willkommene Haken für bösartige Software, um sich dort einzuklinken und sich Supervisorrechte zu erschleichen.
Allzu schwierig dürfte so etwas nicht sein, früher einmal hätte man das mit den Segmenten des Protected Mode wohl auch hinbekommen, aber dieser bereits mit dem 286-Prozessor eingefügte Modus ist inzwischen bei fast allen Betriebssystemen im Abfalleimer obsoleter Technologien gelandet. Bezüglich Sicherheit war der Protected Mode dem flachen Adressiermodell mit Paging, das sich nunmehr durchgesetzt hat, deutlich überlegen. Und so muss man wie mit No Execute oder jetzt SMEP eben nachbessern.
(Bild:Â Intel)
Die Linux-Kernel-Bäcker bauen jetzt schon munter SMEP ein (siehe S. 43 ), ob und wann Windows folgen wird, ist derzeit unklar. Microsoft ist möglicherweise auch zu sehr damit beschäftigt, das für 2012 geplante Windows 8 für ARM fertigzustellen – inzwischen gerne „WARM“ genannt –, um auf solche x86-Spitzfindigkeiten eingehen zu können. Zudem gibt es beim x86-Windows Wichtigeres, um das man sich bei Microsoft kümmern muss, etwa das in der letzten c’t aufgezeigte Desaster bei NUMA und den unzweckmäßigen Prozessorgruppen.
Auf der Computex erwartet man jedenfalls Microsofts erste öffentliche Demonstration einer Windows-8-Testversion auf Tablets mit ARM-Prozessor. Und allerorts zwitschert es von den Internet-Dächern: Bei Tablets wird es sicherlich nicht bleiben. Microsoft, ARM, Nvidia und Co. schielen natürlich auch auf den Markt der Netbooks und der kleineren Notebooks – sehr zum Unwillen von Intel. Die Corporation kontert mit zahlreichen Tablets mit Oak Trail, die weitgehend mit MeeGo oder Android vorgestellt werden – und dabei hat Intel den Oak Trail doch speziell für Windows konzipiert. Ende letzten Jahres hatte Intel noch lauthals 35 Tablets angekündigt – so viele dürften es auf der Computex wohl bei Weitem nicht werden. Gleichzeitig wird Intel nicht müde, darauf hinzuweisen, dass der so hoch eingeschätzte Tablet-Markt auch dann keine ernste Gefahr für die anderen Märkte darstellt, wenn er 2013 die 100-Millionen-Marke überschreitet und 33 Prozent des Netbook-Marktes kannibalisiert. Selbst dann, so Intels Finanzchef Stacy Smith, hätte man ein Wachstum des adressierbaren PC-Marktes von 11 Prozent. Smith will auch nicht kategorisch ausschließen, als Auftragsfertiger für Fremdchips tätig zu werden. Das müsste aber noch intensiv diskutiert und analysiert werden.
Zudem hat Intel neue Roadmaps, neue Prozessoren und einen neuen Marketingbegriff: Ultrabook. Gab es da nicht mal ein gleichnamiges UltraSPARC-Notebook von Tadpole? Aber das ist lange her, Tadpole gehört inzwischen zum Rüstungskonzern General Dynamics und die Trademark ist längst abgelaufen. So wie Intel es schon erfolgreich mit dem Netbooks vorexerziert hatte, möchte man nun das Marktsegment darüber ebenfalls mit einem gängigen Namen besetzen. Statt bei 25 Watt liegen die Designziele für die nächste Generation bei 10 bis 20 Watt. Da kommen die Ivy-Bridge-Chips in das Fahrwasser der aktuellen Atoms, die nach unten ausweichen müssen, wie jetzt mit dem neuen Atom N435 mit 1,33 GHz für den Asus Eee PC X101. Nachdem Intel drei Jahre lang nicht viel Neues in der Atom-Architektur bewegt hat, sollen in den kommenden drei Jahren die neuen Atom-Generationen mit übermoorescher Geschwindigkeit nur so herauspurzeln: Saltwell (32 nm), Silvermont (22 nm) und Airmont (14 nm). Die letzten beiden dürften vermutlich mit Intels Tri-Gate-Transistortechnik aufwarten.
Kommerzielle Qubits
(Bild:Â D-Wave)
Da mögen sich Intel, AMD und Co. noch so viel Mühe geben, es gibt weiterhin Aufgabengebiete, wo selbst Heerscharen von Prozessoren schier unendlich lange rechnen müssen. Hier braucht man grundlegend andere Konzepte, etwa die Quantencomputer. Vor nunmehr vier Jahren stellte die kanadische Firma D-Wave ihren Prototyp namens Orion vor. Dieser arbeitete mit 16 Quantenbits (Qubits), doch Firmenchef Rose kündigte damals recht euphorisch Chips mit 512 und 1024 Qubits „in Kürze“ an. Dann ist es jedoch lange Zeit ziemlich still um die Kanadier geworden, bis sie im letzten Jahr wie Phönix aus der Asche auftauchten und über ihr inzwischen auf 128 Qubits angewachsenes System D-Wave One berichteten. Sie trafen dabei jedoch auf eine sehr skeptische Community, die anzweifelte, ob ihre Lösung überhaupt ein Quantencomputer sei. D-Wave legte mit weiteren Veröffentlichungen nach, sodass Science vor Kurzem konzedierte, ihr Computer sei „wenigstens ein bisschen quantenmechanisch“. Doch viel wichtiger: D-Wave kann mit der Lockheed Martin Corporation nun einen ersten Käufer vermelden. Was der Rüstungskonzern damit anstellen möchte, wurde nicht übermittelt. Immerhin hat er für das aufwendig mit flüssigem Helium gekühlte System rund 10 Millionen Dollar locker machen müssen – dafür kriegt man schon einen recht ordentlichen Supercomputer. (as)