Die schlĂĽsselfertige Smart-City
Panasonic will in Japan eine vernetzte Ökostadt bauen, die sich selbst durch Solarzellen und intelligentes Energiemanagement mit Strom versorgen kann. Bereits 2013 sollen die ersten der insgesamt 3000 Bewohner der Mustersiedlung in ihre Häuser einziehen.
- Martin Kölling
Panasonic will in Japan eine vernetzte Ökostadt bauen, die sich selbst durch Solarzellen und intelligentes Energiemanagement mit Strom versorgen kann. Bereits 2013 sollen die ersten der insgesamt 3000 Bewohner der Mustersiedlung in ihre Häuser einziehen.
Smart- und Öko-City-Projekte gibt es viele auf der Welt, wohl so um die 200 Stück. Japan ist dabei bisher nicht gerade unter den Vorreitern. Doch nun ist mir hier ein vielleicht doch außergewöhnliches Neubauvorhaben über den Weg gelaufen. Der Elektronikkonzern Panasonic will auf einem seiner alten Fabrikgelände in der Stadt Fujisawa die "Fujisawa SST" bauen. SST steht dabei für "Sustainable Smart Town". Das besondere: Es ist wohl die einzige Smart-City weltweit die zum Großteil – von den Steckdosen über die Solaranlagen bis hin zum fertigen Haus – aus Produkten eines Konzerns gebaut werden wird. Die sieben Partnerfirmen und die Stadt Fujisawa geben Geld, Dienste wie Car-Sharing und Planungs-, Verwaltungs- und andere Expertise hinzu.
Außer Panasonic ist vielleicht nur noch der südkoreanische Rivale Samsung so breit aufgestellt, um für unser globales Dorf nicht nur Fernseher, sondern gleich die ganze Stadt zu liefern. Die Japaner bieten nicht nur Internet-Fernseher, die schon jetzt als Schaltzentrale in vernetzten Häusern dienen können, sondern auch die gesamte Bandbreite von Haushaltsgeräten - die im Falle von Kühlschränken oder Klimaanlagen sogar zu Stromsparzwecken Kühlleistungen durch multiple Sensoren gesteuert der Umgebung anpassen. Darüber hinaus führt der Konzern auch Einbauküchen und Badezimmer bis hin zum Roboterklo, das den Deckel selbst öffnet und schließt, das Hinterteil spült und sich selbst reinigt. Zudem ist der Konzern einer der Marktführer bei extrem stromsparenden LED-Lampen und -Leuchten, die ihre Helligkeit an das Umgebungslicht anpassen. Und wer will, kann sich um seine Panasonic-Produkte sogar ein Haus der konzerneigenen Hausbausparte PanaHome bauen, Stromkabel und Sicherheitskameras inklusive.
Doch auch bei der Produktion und Speicherung alternativer Energien spielt der Konzern in der Weltspitze mit. Durch den Kauf seines Lokalrivalen Sanyo will Panasonic zu einem der größten Solarzellenhersteller der Welt werden. Darüber hinaus suchen die Japaner weltweit nach Partnern für ihre stationären Brennstoffzellen, die im Haushalt aus Gas Wasserstoff abspalten und emissionsarm Strom und Wärme erzeugen. Alle Häuser in Fujisawa sollen mit der einen oder der anderen alternativen Technik ausgerüstet werden und so den Strombedarf der Kleinstadt selber decken. Selbst die dafür notwendigen Stromspeicher liefert Panasonic, nebenbei einer der global führenden Akkuhersteller für Elektronikgeräte und Elektro- wie Hybridautos. In allen Häusern sollen Lithium-Ionen-Akkus den tagsüber produzierten Sonnenstrom für die Nacht speichern.
Was liegt da näher, das gesamte Portfolio zu vernetzen, per Software intelligent zu steuern und im Paket quasi als schlüsselfertige Stadt oder als Teilprodukte anzubieten – und zwar weltweit? Dies hat sich wenigstens Konzernchef Fumio Ohtsubo gesagt. Für ihn ist "Fujisawa SST" ein Schlüsselprojekt. "Das Vorhaben soll eines neuen Geschäftsmodells begründen", sagt er. Bisher habe sich der Konzern auf den Verkauf von einzelnen Produkten fokussiert. "Nun wollen wir sie zu einem Systemangebot integrieren", so Ohtsubo. Damit will sich der Konzern bis zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2018 von einem Elektronikhersteller zu einem weltweit führenden Anbieter von umfassenden Energiemanagementsystemen wandeln. Denn in der Energietechnik winken höhere Gewinnmargen als bei Konsumelektronik wie Fernsehern, mit denen Panasonic bisher den Großteil seines Umsatzes erzielt.
Die Geschäftschancen wie Herausforderungen für Öko-Städte sind enorm, sagt Yuji Nishimura von der globalen Unternehmensberatung Accenture, die in Fujisawa und global an Smart-City-Projekten als Consultant mitwirkt. Besonders Asien verstädtert rasant und muss daher möglichst rasch möglichst umweltfreundlich neue Städte bauen. Allen voran stürmt China. 13 Projekte gibt es dort, die an Größe Fujisawa ums bis zu Hundertfache übertreffen. Panasonic nimmt an zweien dieser Projekte teil. Dabei sind die Anforderungen an die Planer hoch. Die Stadtplanung muss sehr flexibel und vielfältig, gleichzeitig standardisiert sein, sagt Nishimura. "Man muss das Ding in Massenproduktion herstellen können."
Fujisawa ist daher in mehrere Funktionsebenen aufgebaut: das Energienetz mitsamt Solar- und Brennstoffzellen, Akkus und Steuereinheiten, damit verbunden das Informationsnetz. Beide lassen sich standardisieren. Und oben auf sitzen dann – individuell geformt – die Behausungen. So will Konzernchef Ohtsubo der Welt demonstrieren, dass die smarte Stadt aus einem Guss kein Traum, sondern konkret ist. 60 Mrd. Yen (520 Mio. Euro) soll die Modellstadt kosten, wovon Panasonic 25 Mrd. Yen und die Partner den Rest tragen. "Wenn wir Erfolg haben, wollen wir damit in Japan, Asien und der Welt expandieren", sagt Ohtsubo.
Ich finde die Idee faszinierend – vor allem vor dem hiesigen, asiatischen und japanischen Hintergrund. Eine skalierbare, in Massen herstellbare, relativ hochwertige und umweltfreundliche Architektur könnte die rasante Verstädterung in Asien menschenfreundlicher gestalten. Zwar befürchte ich eine gewisse architektonische Eintönigkeit, wenn nur PanaHome die Häuser baut. Panasonics Fertighauszweig versucht technisch aufzutrumpfen. Als Trendsetter in Sachen "Schöner Wohnen" ist er bisher nicht aufgefallen. Zum Glück (oder besser zu meinem täglichen ästhetischen Leidwesen) ist die Messlatte in punkto "gute Häuser" und Stadtplanung in Tokio und anderen asiatischen Städten sehr tief gelegt. Vielleicht schaffen die Japaner es ja wirklich, ansehnliche Vielfalt in Masse zu produzieren. Ich lasse mich gerne positiv überraschen. (bsc)