Denk an die Beatles, Steve!

Die angekĂĽndigte iCloud hat was. Aber kann sie Apples Technik wirklich oben halten?

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Von
  • Niels Boeing

In der letzten Zeit hat sich der Wind für Apple ziemlich gedreht. Zensurvorwürfe, eine eklatante Datenschutzpanne, das rasante Wachstum der Android-Konkurrenz, Innovationen, die einer ungeduldigen Meute von Analysten und Fans nicht spektakulär genug sind – Apple ist ein Riese geworden, der nun ebenso kritisch betrachtet wird wie andere IT-Riesen.

Was Steve Jobs am Montag auf der Apple-Entwicklerkonferenz WWDC 2011 an Neuheiten vorgestellt hat, dürfte die Meute kaum allzu lange ruhigstellen. Als alter Dotmac/MobileMe-Nutzer könnte ich zumindest iCloud etwas abgewinnen.

Einmal, weil es MobileMe ablöst, das ich immer als Rückschritt gegenüber Dotmac empfunden habe, unter anderem weil Backup plötzlich in Time Capsule wanderte (was mir mangels OS-Upgrade nichts brachte) und der Virenscanner von Virex ersatzlos wegfiel. Auch wenn es noch immer nur wenig Mac-Schädlinge gibt, fand ich diese Komponente nützlich, um Word-Dokumente zu bereinigen, die man vielleicht an Windows-Nutzer weiterleitet.

Schönheitsfehler: iCloud wird nur für Nutzer Mac OS X Lion und iOS 5 umsonst sein. Abwärtskompatibilität ist schon lange ein Fremdwort im Imperium von Beatles-Fan Jobs, in dem das Motto "Now give me money, that's what I want" regiert, das John Lennon 1963 so bestechend interpretierte.

Zum anderen entfernt die Kombination iTunes + iCloud das dämliche Hin- und Herschaufeln von Musik von alten zu neuen Geräten oder Accounts auf anderen Rechnern in der Umgebung, die man mitnutzen kann (auch andere Daten dürften nun deutlich reibungsloser synchronisiert werden). Gegen einen Aufpreis von 25 Dollar im Jahr nimmt Apple sogar Songs in die persönliche iCloud auf, die man nicht bei iTunes gekauft hat - also die ganze von alten CDs oder sonstwo gerippte Kollektion. Alle Achtung.

Das ist für Apple sicher ein sinnvoller strategischer Schritt, der in absehbarer Zeit noch um Videos erweitert werden dürfte – vielleicht in Verbindung mit einem Apple TV 3. Aber kann Apple die Konkurrenz damit wirklich auf Abstand halten, wie manche Analysten meinen?

Im Bereich sozialer Netzwerke – und der damit verbundenen Datendienste – hat Apple nach wie vor nicht viel zu bieten. Ping ist ein halbgarer Versuch gewesen, innerhalb von iTunes ein Netzwerk zu etablieren. Ich habe es irgendwann kurz getestet und total nutzlos gefunden. Selbst Google mit seinem ebenfalls halbgaren Social Circle steht hier noch besser da.

Vor allem ist da aber immer noch die Frage, wie Apple angesichts des Android-Wachstums seine Nutzerbasis signifikant erweitern will, wenn es an seinem schon einmal gescheiterten Modell festhält, Hard- und Software nur im Bündel zu liefern.

Nicht dass mir die Kalifornier irgendwie ans Herz gewachsen wären. Aber als ich kürzlich unfreiwillig mit Windows-Rechnern auskommen musste, bekam ich nach neun Jahren Windows-Abstinenz gleich wieder graue Haare und erinnerte mich, warum ich einmal umgestiegen war.

Ob sich Steve Jobs auf seine alten Tage wohl noch einmal auf seinen Selbstfindungstrip in Indien besinnt und zu der Erkenntnis kommt, dass Kohle machen nicht alles ist? Um Hardware, Software und Dienste zu entkoppeln und den Code von Mac-Software komplett freizugeben (nicht nur den Darwin-Kernel) - und womöglich auch noch einen Open-Hardware-Versuch zu wagen? There's nothing you can do that can't be done, Steve. (nbo)