Schnupfen oder Outbreak?

Das EHEC-Rätsel verwindet sich weiter: Der Bakterienstamm weist nun eine große genetische Ähnlichkeit mit einem von Menschen übertragenen E.-coli-Stamm aus Zentralafrika auf.

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Von
  • Niels Boeing

Seit einigen Wochen hält ein neues Four-Letter-Word die Republik in Atem: EHEC, eine besonders tückische Variante des Bakteriums Escherichia coli. Nach dem jetzigen Kenntnisstand ist es über Sojasprossen eines Bauernhofes im niedersächsischen Bienenbüttel in die Lebensmittelkette gelangt.

Das hat offensichtlich viele Menschen insofern beruhigt, als dass sie nun wieder bei Tomaten und Gurken – vor denen wochenlang als potenziellem Überträger gewarnt worden war – kräftig zulangen. Die Gemüseauslage im Supermarkt um die Ecke war jedenfalls am Samstag so leergekauft wie selten, was ich mir mit dem bevorstehenden Pfingstwochenende allein nicht erklären kann.

Dennoch bleibt nach wie vor die Frage offen, wo der neue, aggressive E.-coli-Stamm O104:H4 seinen Ursprung hat. Eine Frage, die in der allgemeinen Rohkost-Paranoia unterzugehen drohte. Vor drei Wochen hatte ich – und manch andere auch – vermutet, dass die Spur zur industriellen Rinderhaltung führen müsste.

Diese Möglichkeit ist zwar noch nicht vom Tisch. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist aber nach einer DNA-Sequenzanalyse daraufhin, dass auch der Mensch selbst die Quelle der Mutation des EHEC-Stammes sein könnte. 93 Prozent der DNA stimmten nämlich mit einer Variante von EaggEC (enteroaggregative E. coli) überein, die aus Zentralafrika bekannt sei, so das BfR.

Nun wissen wir, dass im Zeitalter der globalen Verkehrsströme Mikroorganismen locker den Sprung über die Kontinente schaffen können. Interessant ist aber, dass das BfR schreibt: "Das nationale Referenzlaboratorium für E. coli am BfR hat den Erregertyp EaggEC bisher nicht bei Tieren und in Lebensmitteln finden können. Auch Auswertungen aus der Literatur geben keine Hinweise darauf, dass der Stamm bislang in Lebensmitteln und Tieren vorkam."

Die Sache wird also auch nach Gurken-Entwarnung und Sprossen-Warnung nicht weniger mysteriös. Eine äußerst seltene Mutation verbindet womöglich Zentralafrika mit Bienenbüttel. Vielleicht ist die Verbindung aber auch – geographisch – viel kürzer.

Das Neue Deutschland wies vergangene Woche noch einmal daraufhin, dass am Wehrwissenschaftlichen Institut für Schutztechnologien, WIS, an biologischen Waffen geforscht wird. Das WIS liegt im niedersächsischen Munster, das wiederum ca. 35 Kilometer südwestlich von Bienenbüttel entfernt liegt – könnte es da womöglich zu einem "Outbreak" wie im gleichnamigen Hollywood-Film gekommen sein?

Dass dieser Verdacht zuerst von dem Journalisten Udo Ulfkotte geäußert wurde, schreibt das ND allerdings nicht, weil Ulfkotte längst als politisch inkorrekter Verschwörungstheoretiker gilt. Immerhin erwähnt das ND diese mögliche Verbindung überhaupt, im Unterschied zu den meisten anderen Zeitungen.

Natürlich kann die räumliche Nähe Zufall sein, und am Ende stellt sich alles als eine unglückliche Verkettung von Mutationen, Mobilität, Hygiene und Essensvorlieben heraus, die so unwahrscheinlich ist wie die Aufklärung der Mordserie in Stanislaw Lems "Der Schnupfen". Nur weil etwas unwahrscheinlich ist, heißt das nicht, dass es nicht schon morgen passieren kann – siehe Fukushima.

Doch je länger die EHEC-Krise anhält, desto seltsamere Wendungen nimmt sie. Klar ist auch nach drei Wochen nur: Gemüse ist nicht das ursächliche Problem. Was werden wir wohl in den kommenden drei Wochen erfahren? (nbo)