Die Zukunft des Geldes

Das Sicherheitskonzept der digitalen Währung Bitcoin hat Begehrlichkeiten geweck. Doch trotz den Angriffen der vergangenen Woche: Bitcoin ist ein Testlauf für ein ganz neues Geldsystem nach der Finanzkrise.

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Von
  • Niels Boeing

Eines der spannendsten Projekte in der Netzwelt derzeit ist Bitcoin: eine digitale Währung, die ohne Zentralbank und Geschäftsbanken auskommt. Die Kontrolle darüber, dass man Bitcoins nur einmal ausgeben kann – schließlich lassen sich Daten im Prinzip beliebig kopieren –, gewährleistet ein ausgeklügeltes Verfahren in einem Peer-to-Peer-Netzwerk, das unter anderem auf einer Public-Key-Kryptographie aufbaut (für eine einfache Einführung siehe Technology Review vom 3.6.2011).

Bei dieser enormen Herausforderung war es wohl nur eine Frage der Zeit bis zum ersten Angriff auf das System. Der erfolgte nun vor einigen Tagen am einzigen erkennbaren Schwachpunkt: der Datei wallet.dat, in der die kryptographischen SchlĂĽssel eines Nutzers, seine bisherige Transaktionen sowie Daten der Client-Software auf dem eigenen Rechner gespeichert sind.

Einem Bitcoin-Nutzer soll seine digitale Börse mit einem Inhalt von 25.000 Bitcoins – zu jenem Zeitpunkt knapp 500.000 Dollar wert – gestohlen worden sein. Die IT-Sicherheitsfirma Symantec gab später bekannt, Schadcode entdeckt zu haben, die auf den Diebstahl von wallet.dat programmiert ist (ein anderer Angriff erfolgte fast zeitgleich auf die größte Bitcoin-Wechselstelle Mt. Gox, deren Nutzerdatenbank samt Passwörtern offengelegt wurde).

Natürlich ist es eine hübsche Ironie, dass mit etwas Geschick auch das digitale Pendant einer Geldbörse gestohlen werden kann. Jeff Garzik, einer der Hauptentwickler der Client-Software, empfiehlt, vorläufig die Datei wallet.dat auf einem USB-Stick aufzubewahren, wo sie nur während einer Transaktion mit der Software verbunden ist. Ansonsten werde sie auch nicht gebraucht.

Die eigentlich interessante Frage, die sich an den Vorfall anknĂĽpft, ist fĂĽr mich jedoch, ob Bitcoin wirklich ein radikal anderes Geldkonzept darstellt.

Geld erfüllt bekanntlich drei Funktionen: Es vermittelt Tauschwerte von Gütern oder Dienstleistungen; es ist ein Mittel zur Wertaufbewahrung; und es ist eine Ware in dem Sinne, als es gegen andere Währungen gehandelt werden kann (was nur in einer Welt mit verschiedenen Währungen gilt). Alle drei hängen von dem Vertrauen der wirtschaftlichen Akteure in die Stabilität des Geldes ab.

Die Bitcoin-Erfinder haben sich darauf konzentriert, die Vertrauenslücke auszumerzen, die für viele Menschen die Institution Bank als Mittler darstellt (erst recht seit der Finanzkrise). Das ist ihnen mit der P2P-Architektur selbst auch gelungen. Das Vertrauensproblem ist damit jedoch nicht generell gelöst: Nach Bekanntwerden des Diebstahls sackte der Dollarkurs einer Bitcoin kurzzeitig von knapp 20 Dollar auf einige Cent ab. Als Wertaufbewahrungsmittel ist es also angreifbar, mindestens solange es in andere Währungen eingewechselt werden kann. Schon stellen einige Personen Überlegungen an, wie man auf den Bitcoin-Kurs gegen eine andere Währung spekulieren könnte, um damit ("echtes") Geld zu machen.

Vielleicht wäre es klug, langfristig diese Verbindung zu kappen. Denn meines Erachtens liegt das Potenzial von Bitcoin darin, dass die Geldschöpfung – also die Schaffung neuer Bitcoins – nicht über Banken erfolgt, sondern aus einem anonymen Rechenprozess im P2P-Netz heraus.

Das zweite große Problem des modernen Geldsystems ist nämlich genau der Geldschöpfungsprozess: Es kommt immer als Kredit in die Welt, von der Zentralbank an die Geschäftsbank und von dieser an andere Banken oder Akteure. In jedem dieser Schritte wird sowohl ein Zins erhoben als auch die Geldmenge ausgeweitet (zu letzterem Aspekt gibt es in der Wikipedia eine schöne Darstellung).

Das moderne Geldsystem ist ein Kettenbriefsystem, so viel hat sich im Zuge der Finanzkrise herumgesprochen, dessen mitunter fatale Folgen zurzeit am Beispiel Griechenlands besichtigt werden können. 350 Milliarden Schulden sind durch neue Kredite nicht zu tilgen, und durch Sparen höchstens über Generationen.

Der Kreditcharakter der Geldschöpfung fehlt bei Bitcoin jedoch gerade. Sicher wird man abwarten müssen, ob sich auch hier Kreditmöglichkeiten entwickeln. Aber eine innere Notwendigkeit besteht nicht – das ist neu. Zugleich ist die maximale Geldmenge des Bitcoin-Systems algorithmisch auf 21 Millionen Bitcoins beschränkt. Sie wird asymptotisch nach 2030 erreicht werden. Auch hierzu gibt es kein Pendant in existierenden Währungen, deren Hüter zwar Inflation vermeiden wollen, aber eine Deflation wie der Teufel das Weihwasser vermeiden wollen. Eine kontrollierte Deflation wäre aber die logische Folge der Bitcoin-Begrenzung.

Was mich zuletzt zu einer anderen Frage bringt: Ist es Zufall, dass die Bitcoin-Idee nach Ausbruch der Finanzkrise, zunächst über ein Paper, lanciert wurde? Als 2008 eine Person namens Sakoshi Nakamoto (mit einer gmx-Emailadresse) das reichlich abstrakte Paper veröffentlichte, waren im Vorjahr während der "Subprime-Krise" bereits die ersten Finanzeinrichtungen gestrauchelt, etwa Northern Rock in Großbritannien. Brancheninsider mit Durchblick wussten da bereits seit langem, was noch folgen würde – und mit der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 tatsächlich eintrat: Das Weltfinanzsystem geriet an den Abgrund. Und von diesem hat es sich, wenn wir die jüngsten Entwicklungen auch in den USA verfolgen, noch nicht wegbewegt.

Ganz gleich, welche klugen Köpfe dahinter stecken: Es sind definitiv auch Leute mit ökonomischem Sachverstand, nicht nur Kryptographie- und P2P-Spezialisten. Bitcoin ist nicht nur eine weitere nette Idee für ein Internetbezahlsystem – es ist auch als Testlauf für ein ganz neues Geldsystem gedacht. Und das brauchen wir dringender denn je. (nbo)