Das Comeback des mobilen Web

Einige Firmen setzen inzwischen auf „hybride“ Apps, um Entwicklungskosten zu sparen: Ihre Smartphone-Anwendungen bauen auf gängigen Webstandards auf und werden erst nachträglich an die verschiedenen Mobilbetriebssysteme angepasst, um sie in App Stores vertreiben zu können.

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Von
  • Christopher Mims

Einige Firmen setzen inzwischen auf „hybride“ Apps, um Entwicklungskosten zu sparen: Ihre Smartphone-Anwendungen bauen auf gängigen Webstandards auf und werden erst nachträglich an die verschiedenen Mobilbetriebssysteme angepasst, um sie in App Stores vertreiben zu können.

Als die koreanische Kreditkartenfirma Lotte Card Anfang des Jahres eine eigene Augmented-Reality-Anwendung für Smartphones entwickeln wollte, stellte sich eine Frage, die viele App-Entwickler beschäftigt: Soll sie maßgeschneidert sein für die großen mobilen Plattformen iOS und Android? Oder wäre eine einzige Plattform-übergreifende App sinnvoller, die auf dem Web aufsetzt? Lotte Card entschied sich am Ende für eine Lösung, die beides miteinander kombinieren will.

Mit Hilfe der Entwicklungsumgebung Worklight erzeugten die Programmierer von Lotte Card Hunderte von HTML-basierten Seiten, die Webstandards wie HTML 5, CSS und JavaScript nutzen. Anschließend wurden die Seiten mit Code für die mobilen Betriebssystem iOS und Android verpackt, so dass die Anwendung über die bekannten App-Stores von Apple sowie für Androidgeräte angeboten werden konnte.

Web Apps haben gegenüber Plattform-gebundenen Apps den Vorteil, dass sie auf einer Vielzahl von Geräten in den vorinstallierten Browsern laufen. Der Nachteil: Sie können weder gerätespezifische Funktionen wie Kamera oder Adressbuch nutzen noch Eigenarten der jeweiligen Benutzeroberfläche. Und vor allem: Sie lassen sich nicht über den App Store von Apple oder den Android Market vertreiben, wenn sie nicht nach deren Code-Vorgaben programmiert sind.

Plattform-gebundene Apps können allerdings über Browser auch auf Webinhalte zugreifen. Da mit Windows Phone, Blackberry OS, iOS und Android allein vier große Mobilbetriebssysteme auf dem Markt konkurrieren, dürften künftig mehr Firmen dem Beispiel von Lotte Card folgen, „hybride“ Apps zu entwickeln, die Webtechnologien verwenden und dennoch in den jeweils eigenen App Stores erhältlich sind.

„Die Eleganz der Benutzeroberflächen, die Entwickler bei Plattform-gebunden Apps erreichen können, ist den Extraaufwand nicht wert, wenn man die Möglichkeiten von hybriden Apps betrachtet“, meint Ron Perry, CTO von Worklight, das die gleichnamige Entwicklungsumgebung zur Verfügung stellt. Worklight baut auf der Open-Source-Software PhoneGap auf, mit deren Hilfe sich Web Apps für die verschiedenen mobilen Plattformen verpacken lassen.

Neben PhoneGap ist noch Titanium Studio verbreitet, um hybride Apps zu entwickeln. Die von der Firma Appcelerator entwickelte Programmierumgebung verfolgt jedoch einen etwas anderen Ansatz: Anstatt Webinhalte innerhalb einer App darzustellen, wie es PhoneGap tut, wandelt Titanium Studio den JavaScript-Code einer Web App in echten Code fĂĽr die Mobilbetriebssysteme iOS, Android und Blackberry OS um. Nur Windows Phone wird von Titanium Studio noch nicht unterstĂĽtzt.

Titanium Studio enthält über 1000 Elemente, die spezielle Funktionen der Benutzeroberfläche einer Web App umwandeln. Das geht so reibungslos, dass Smartphone-Nutzer später keinen Unterschied mehr zu Apps feststellen können, die direkt für bestimmte Betriebssysteme geschrieben wurden.

So schufen die Entwickler von Hotel Tonight, der zurzeit erfolgreichsten Reise-Anwendung im Apple App Store, mit Hilfe von Titanium Studio lokalisierte Versionen. Die ermöglichen Reisenden, verbilligte Hotelzimmer in der Nähe ihres jeweiligen Standortes zu finden.

Ein anderes Beispiel ist eine App für die TV-Show „Late Night with Jimmy Fallon“. Bei ihrer Anpassung an Android und an iOS seien „90 Prozent des ursprünglichen Codes wiederverwendet“ worden, sagt Scott Schwarzhoff, Marketingleiter von Appcelerator.

Dass derart modifizierte Web Apps bislang nicht in größerem Umfang angeboten werden, liegt daran, dass noch nicht alle Geräte den neuen Standard HTML 5 ausreichend unterstützen. Dabei bietet HTML 5 die Möglichkeit, Inhalte für Webbrowser zu schaffen, deren Nutzung dem typischen App-Erlebnis kaum nachsteht.

„Im Moment unterstützt jeder Browser eine eigene Teilmenge von HTML 5-Funktionen für Animationen oder graphische Darstellungen“, weiß Yaniv Yaakubovich, leitender Produktmanager bei PayPal. Diese Zersplitterung sei eine „ziemliche Hürde“, wolle man Web Apps so einfach nutzbar machen wie Plattform-gebundene Apps.

Brian Kennish, ein ehemaliger Google-Ingenieur, ist sich sicher, dass Web Apps die Zukunft gehört. Hybride Apps seien ein wichtiger Zwischenschritt dorthin. „Vielleicht verbessern die Entwickler der Mobilbetriebssysteme demnächst ihre mitunter klobigen Funktionen, um Web Apps in Plattform-Code zu verpacken“, hofft Kennish.

Zwar gebe es Spiele, die die 3D-Darstellung von Smartphones bis zum Äußersten ausreizten und deshalb nicht als Web App oder hybride App realisierbar seien, wendet Ron Perry von Worklight ein. Doch auch er ist überzeugt: Je kompatibler Browser für den neuen Standard HTML 5 werden, desto weniger brauche man künftig Plattform-gebundene Apps. (nbo)