Romantische Militanz
Es scheint, als sei der LulzSec-Spuk vorbei. Die Entwicklung, zu der die selbsternannte Cyber-Guerilla gehörte, wirft allerdings einige beunruhigende Fragen auf.
- Niels Boeing
Es scheint, als sei der Spuk vorbei. Vor drei Tagen hat die Hackergruppe Lulz Security überraschend bekannt gegeben , dass sie sich auflöst. In den vergangenen Wochen hatte sie etliche Angriffe auf Firmen- und Behördenseiten für sich reklamiert und sich nach eigenem Bekunden vergangene Woche gar mit der Hackergruppe Anonymous gegen die Großen und Mächtigen verbündet.
Doch selbst wenn die "50 Days of Lulz" vorüber sein sollten, stehen sie doch für eine Entwicklung, die Ende 2010 mit Anonymous-Aktionen zugunsten von Wikileaks-Gründer Julian Assange in Fahrt gekommen war: die langsame Formierung einer global agierenden Cyber-Guerilla, die mit einer global aufkommenden politischen Unruhe zusammenfällt.
Es ist für mich kein Zufall, dass bei den Aktionen der neuen spanischen Demokratie-Bewegung auch Anonymous-Masken auftauchten. Die romantische Versuchung ist einfach zu groß: Das einfache (Cyber)-Volk rebelliert gegen Big Business und Big Government – offline und online.
Dieser Versuchung sollte besser niemand erliegen. Denn während in Kairo, Barcelona oder Athen klar war, wer spricht und protestiert, ist bei Anonymous, Lulz und anderen Gruppen das Gegenteil der Fall. Das mag in der Natur der Sache liegen, weil Datenspuren verwischt werden müssen, ist aber problematisch.
Nicht, weil es nichts zu protestieren gäbe. Alles andere als das – sowohl offline als auch online.
Das Problem ist: Wer entscheidet da, was angegriffen wird? Wodurch unterscheiden sich solche Angriffe von reiner WillkĂĽr, von AnmaĂźung? Wie wird sichergestellt, dass man sich nicht zu nĂĽtzlichen Idioten fĂĽr Regierungen macht, die dankbar jeden Vorfall nutzen, ihre Sicherheitsphantasien fĂĽr das Internet auszuweiten?
Und wie kann ich eigentlich sicher sein, dass einige der Akteure nicht mehr als nĂĽtzliche Idioten sind?
Im LulzSec-kritischen Blog InfosecIslandist zu lesen, dass etwa ein Viertel aller Hacker in Diensten von FBI und anderen Sicherheitsbehörden stünden. Woher weiß ich wiederum, dass nicht auch dieser Informationsschnipsel Desinformation ist?
Sicher scheint mir nur, dass weder ein ernstgemeinter noch ein inszenierter Cyber-Bürgerkrieg das Netz zu jenem freien und unabhängigen Datenraum macht, von dem John Perry Barlow träumte. Dieser hielt zwar schon 1996 nicht der Realität stand, war aber doch ein schöner, ein mächtiger Traum. Wer ihn noch träumt – wogegen nichts einzuwenden ist –, sollte nicht auf Konzernserver losgehen, sondern eigene, freie, parallele Datenräume auf- und ausbauen. Sabotage ist Energieverschwendung, 20. Jahrhundert.
(nbo)