Holpriger Wechsel

Mit einem Eklat startet der SYSmark 2012: AMD, Nvidia und VIA Technologies verlassen das BAPCo-Konsortium.

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Das war peinlich: Das Industriekonsortium BAPCo (Business Applications Performance Corporation) hat es zwar endlich geschafft, den betagten SYSmark 2007 Preview abzulösen, verliert aber mit der Firma AMD eines seiner wichtigsten Mitglieder (s. S. 20 ). AMD bemängelt die Auswahl der im SYSmark 2012 vertretenen Programme sowie die Gewichtung der Einzelergebnisse. Auch VIA Technologies und Nvidia verlassen das Gremium, sodass Intel als einziger CPU-Hersteller übrig bleibt. Das hat einen schalen Beigeschmack, weil Prozessoren des AMD-Konkurrenten Intel seit der Ablösung des Pentium 4 im SYSmark meistens vorne liegen. Mit dem Core (2) Duo ergatterte Intel Ende 2006 die Führung und baut sie mit dem Core i seit 2009 weiter aus. Viele andere CPU-lastige Benchmarks absolvieren Intel-Chips allerdings ebenfalls schneller, etwa SPEC CPU2006, Linpack oder Cinebench.

Der SYSmark 2012 unterscheidet sechs statt zuvor vier Szenarien. E-Learning entfällt, statt Video- gibt es Media Creation, neu sind Web Development, Data Analysis sowie System Management.

Der BAPCo SYSmark ist zur Bewertung von Bürocomputern gedacht und wird seit den 1990er-Jahren fortentwickelt. Vor allem auf Betreiben von AMD – damals ging es um die produktneutrale Ausschreibung von PCs – wurde er seit 2004 ein wichtiges Werkzeug für die Beschaffung der öffentlichen Hand. Der SYSmark war schon immer CPU-lastig, arbeitet aber mit echten Standardprogrammen – anders als synthetische Benchmarks oder der CPU2006 mit hoch optimiertem Code. In den Jahren zuvor traten einige Festplattenhersteller der BAPCo bei, um Vorzüge ihrer Produkte abzubilden. Der SYSmark 2007 startet mehrere Applikationen parallel und wechselt skriptgesteuert zwischen diesen; schnelle (Solid-State-)Disks und Native Command Queuing (NCQ) sorgen dabei für zusätzliche Punkte. Der SYSmark 2012 arbeitet endlich mit aktuelleren Programmversionen und bezieht – wie ältere Vorgänger – auch wieder Browser mit ein. Neu sind ein OCR-Programm (Abbyy Fine Reader) und AutoCAD, ferner wurden einige Applikationen gegen jüngere Versionen anderer Hersteller ausgetauscht.

Der je nach Lizenzmodell ab 850 US-Dollar (Upgrade 750 US-Dollar) erhältliche SYSmark 2012 läuft nur noch unter den 64-Bit-Versionen von Windows Vista und Windows 7. Er setzt mindestens 2 GByte RAM, 50 GByte freien Platz auf der Festplatte, eine DirectX-9-GPU sowie eine Dual-Core-CPU mit 1,8 GHz voraus. Die Gesamtpunktzahl ergibt sich als geometrisches Mittel aus sechs Teildisziplinen; ein Referenzsystem mit Core i3-540, Onboard-Grafik, 4 GByte RAM und 3,5-Zoll-Magnetfestplatte erreicht jeweils rund 100 Punkte.

Die öffentliche Kritik von AMD am SYSmark 2012 überrascht, denn AMD war seit ungefähr 2002 Mitglied des BAPCo und an der Gestaltung der SYSmark-Versionen 2004 SE, 2007 Preview und 2012 aktiv beteiligt. Laut BAPCo hat AMD dasselbe Stimmrecht wie jedes der anderen Mitglieder, zu denen außer Intel etwa noch die PC-Hersteller Dell, HP, Lenovo, Sony, Toshiba, aber auch Microsoft sowie Hitachi, Seagate und Samsung gehören.

BAPCo SYSmark 2012 und 2007

Ein einzelner Benchmark erlaubt stets bloß eingeschränkte Rückschlüsse auf die subjektiv empfundene Leistungsfähigkeit eines Systems, weil die individuelle Nutzungsweise von PCs sehr unterschiedlich ist und schon vermeintlich kleine Konfigurationsunterschiede starke Auswirkungen haben können. PC-Benchmarks werden schon immer und mit guten Argumenten kritisiert, weil sie grundlegende Widersprüche nicht auflösen können. Einerseits sollen sie möglichst realistische Nutzungsszenarien simulieren, aber andererseits genaue und reproduzierbare Ergebnisse liefern. Letzteres setzt aber praxisferne Bedingungen voraus: Im Hintergrund dürfen beispielsweise beim SYSmark weder Windows-Update noch Indizierungsdienst oder Virenscanner laufen.

Ein anderes Dilemma: Einerseits möchte man denselben Benchmark möglichst jahrelang unverändert nutzen, um neue Systeme mit alten vergleichen zu können. Andererseits braucht man neue Software- und also auch Benchmark-Versionen, um die Fähigkeiten neuer Prozessoren und Grafikchips überhaupt erfassen zu können: SSE3-, SSE4-, AES-, AVX- oder 64-Bit-Erweiterungen wären zu nennen, aber etwa auch GPGPU-, HD-Video- oder Direct2D-Beschleunigung. Schließlich soll ein System-Benchmark die Performance vieler einzelner Systemkomponenten in möglichst einer einzigen Wertungszahl abbilden, doch bei speziellen Einsatzzwecken kommt es stärker auf bestimmte Einzelteile an.

Benchmarks lassen sich nur mit Erfahrung richtig interpretieren. Zu den häufigen Missverständnissen gehört es beispielsweise, aus einem summarischen Ergebnis, das den Mittelwert vieler einzelner Messungen darstellt, auf spezielle Eigenschaften zu schließen. So erlaubt etwa der SYSmark fast keine Rückschlüsse auf die zu erwartende Geschwindigkeit in 3D-Spielen und ein schneller Gaming-PC ist nicht unbedingt auch optimal geeignet für den Videoschnitt.

www.ct.de/1115026

(ciw)