Der schlafende Schlaf

Maschinen sollen verhindern, dass das Träumen gefährlich wird.

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Von
  • Peter Glaser

Der Sommer ist da und mit ihm die Versuchung, sein entferntes Urlaubsziel im Auto in einem Rutsch zu erreichen. Diese Herausforderung der Ausdauer verursacht in den USA mehr als 100.000 Unfälle mit 1.500 Toten pro Jahr.

Die Neigung, den Schlaf zu verdrängen, ist zeitgemäß. Schlaf wird heute weithin als lästige Unterbrechung des Lebensfortlaufs angesehen, als unvermeidlicher biologischer Boxenstop. Mit zahlreichen Mitteln von Koffein über Ritalin bis zu mitreißender Gesellschaft und massivem sozialen Druck wird die feindliche Müdigkeit bekämpft. In Japan hat die Kultur der Schlafverkürzung Phänomene wie die Kapselhotels, nette Japaner, die einem in der U-Bahn ständig an der Schulter einschlafen sowie lebensbedrohliche Erholungsdefizite, die unter dem Namen Karoshi zusammengefasst sind, hervorgebracht.

Im Westen war das Interesse am Schlaf und seinen Begleiterscheinungen im 20. Jahrhundert einigen bemerkenswerten zivilisatorischen Wandlungen unterworfen. Heute scheint niemand mehr träumen zu wollen. Der Schlaf und sein Innenleben sind, fast schon wie der Tod, aus dem Lichtkegel unserer Aufmerksamkeit verschwunden. Sigmund Freud hatte das Unterbewusste zum Popstar gemacht, die Folgen waren jahrzehntelang in der gesamten Kulturproduktion zu besichtigen. Vom Surrealismus über verschwimmende Überblendungen im Film, die Traumsequenzen signalisierten, bis hin zu drogenevoziertem Träumen und psychedelischen Dream Machines – alle erkundeten diese neuen Erweiterungen des menschlichen Selbstbilds. Eine ganze Generation von Bildungsbürgern legte sich auf die Psychologencouch, um von den Auguren der Traumdeutung mehr über sich selbst zu erfahren.

In den 70er Jahren rückten die technisch-wissenschaftlichen Aspekte von Traum und Schlaf zunehmend in den Vordergrund. Die Ergebnisse der modernen Schlafforschung wurden popularisiert, REM-Phasen und Alpha-Wellen hielten Einzug in den Smalltalk. Ein letztes Mal bäumte sich das Thema in den 80er Jahren rund um die sogenannten Mind Machines auf. Dann fiel der Schlaf in einen tiefen Schlaf.

Zwar pflegen auch Programmierer die Boheme-Tradition des Nachtmenschentums. Die logischen Anforderungen und die Versuche der Komplexitätsbezähmung, die das Computerzeitalter mit sich brachte, machten die krause Welt der Träume aber zunehmend zur No-go-Area. Denn das Träumen ist nicht nur im Straßenverkehr gefährlich. Im Gegensatz zu dem Marketingbegriff "Vision", der vor allem bei Unternehmern als Ausweis schöpferischer Vorausschau herhalten muss und meist irgendwelche glattgebügelten und Zukunftstvorstellungen plakatiert, sind Träume oft rätselhaft, verstörend und zutiefst beunruhigend – man steht in ihnen tatsächlich am vulkanischen Kraterrand der chaotischen menschlichen Tiefenkräfte, aus dem manchmal auch begehbare Richtungen für die Zukunft hervorgeschleudert werden.

Währenddessen versuchen die Visionäre sich an forcierten technischen Lösungen zur Traumabwehr und Schlafbekämpfung. Amerikanische Autohersteller und Elektronikfirmen haben verschiedene Hardware-Lösungen entwickelt, um drohendem Schlaf zu begegnen. Bei einfachen Ansätzen wird die Kopfposition ermittelt. Fällt der Kopf eines Einnickenden nach vorne, wird der Betroffene vehement darauf aufmerksam gemacht. Die japanische Firma Takanoha hat eine bürotaugliche Form dieser Idee mit Vibrationsalarm auf den Markt gebracht ("Nap Vieeb").

Einen anderen Ansatz verfolgen die Designer der Arch Group. Sie versuchen, die Fahrzeiten vom Arbeitsplatz zum Schlafplatz zu reduzieren oder ganz zum Verschwinden zu bringen, indem sie im Büro oder in benachbarten Gebäuden sogenannte Sleep Boxes aufstellen wollen – etwas wie die Indivisualisierung der Kapselhotels. Neuere Systeme für ermüdungsgefährdete Fahrzeuglenker arbeiten etwa mit im Auto eingebauten Kameras und entsprechender Software. Bei Mercedes-Benz experimentiert man mit Augen-Scans des Fahrers, anhand derer bereits erste Müdigkeitssymptome erkannt werden sollen. Das Display auf dem Armaturenbrett äußert sich dann mit der Frage, ob es nicht vielleicht Zeit für eine Pause wäre.

Die New York Times hat ein Unschlafprodukt namens Anti Sleep Pilot getestet. Es kostet 199 Dollar und erwartet, dass der Fahrer sich in Abständen bemerkbar macht. Indem man aus 26 verschiedenen Risikofaktoren auswählt, kann man sich von dem Gerät beispielsweise die zu erwartende Fahrzeit einschließlich der notwendigen Pausen berechnen lassen. Eine iPhone-App, die es auch gibt, macht das, was das Standalone-System leistet, für 19 Dollar 99.

Die Idee ist im übrigen nicht neu. Lokführer in Zügen oder Bediener an gefährlichen Maschinen müssen schon seit den 30er Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts alle paar Minuten den sogenannten Totmann-Schalter drücken, um der Maschine bekanntzugeben, dass sie noch leben. Keine Traumjobs. (bsc)