"what if - was wäre wenn": Gefangen in der Simulation

Jury und Leser haben ĂĽber die Gewinner des Science-Fiction-Wettbewerbs 'what if - visionen der informationsgesellschaft' entschieden.

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Von
  • Florian Rötzer

"what if - was wäre wenn?", lautete die Preisfrage, die der Bayerische Rundfunk – Hörspiel und Medienkunst und Telepolis zusammen mit der Agentur Iglhaut+Partner und mit der Unterstützung des Informatikjahrs 2006 einer internationalen Autorenschaft gestellt hatte. Gefragt waren literarische Visionen zur Zukunft der Informationsgesellschaft als Kurzgeschichte oder als Hörspiel, die Wettbewerbssprachen waren Deutsch und Englisch.

In über 340 Einsendungen haben Autoren aus zahlreichen Ländern ihre Vision der Zukunft umgesetzt. Bei einem Großteil handelt es sich um Kurzgeschichten, aber auch Hörspiele wurden eingesandt. Über ein Drittel der Beiträge stammt von Autorinnen, was zeigt, dass Science Fiction keine reine Männersache mehr ist.

Eintritt und Leben in virtuellen Realitäten haben die meisten Autoren fasziniert und in ihren Konsequenzen beschäftigt. Es wurde überlegt, wie neue Schnittstellen zwischen Menschen und Computer beispielsweise in Form eines Gehirnchips das Leben und die Erfahrungsmöglichkeiten verändern. Die anstehende biotechnologische “Verbesserung“ der Menschen durch Prothesen, Chips oder genetische Eingriffe wurde gleichfalls häufig zum Gegenstand der Geschichten oder Hörspiele. Freudig in die Zukunft geblickt wird hingegen kaum, die Skepsis überwiegt. Es geht um Überwachung, Verlust der Kontrolle, neue Abhängigkeiten in einer Welt, die von der Klimakatastrophe bedroht oder deren Umwelt zerstört wird, in der Armut, Arbeitslosigkeit und ungleiche Machtverhältnisse herrschen.

Der mit 7.500 Euro dotierte Preis der Jury unter Vorsitz des Autors Herbert W. Franke geht an Sascha Dickel, der mit seiner Erzählung Bio-Nostalgie eine Welt beschreibt, in der Menschen keinen Körper mehr haben, sondern nur noch ein Bewusstsein auf Basis von digitalen Daten. Die "Nostalgie" besteht in der Sehnsucht nach einem Körper, nach Sinnlichkeit und körperlicher Sexualität. Die Hoffnung von zwei Protagonisten der Datenwelt, sich in einen irdischen Körper "downzuloaden" und das Strandleben zu genießen, bleibt trügerisch, weil nicht nur die Menschen, sondern die materielle Welt insgesamt nur noch eine Simulation sind. Der Ausflug ins Körperliche misslingt. "Sascha Dickel", so heißt es in der Begründung der Jury, "formuliert in kühlem Ton die Phantasie einer rein virtuellen Datenexistenz, die gleichzeitig universell vernetzt und schmerzlich auf die Datenumgebung beschränkt ist. Die dargestellte Welt erscheint glaubwürdig als eine Welt der Simulationen, in der der Dualismus von Körper und Geist zugunsten eines vom Körper abgelösten Bewusstseins überwunden ist. Die Erfüllung des Traums vom unsterblichen Bewusstsein erweist sich als Unglück." Der Bayerische Rundfunk produziert "Bio-Nostalgie" als Hörspiel, das im Juni 2007 in der Sendereihe hör!spiel!art.mix in Bayern2Radio gesendet wird.

Neben dem Preis an Sascha Dickel spricht die Jury zwei Anerkennungen aus: an Alexander Otto für seine ironisch-hintergründige Geschichte Aimée: Herr im eigenen Haus, in der eine intelligente Wohnumgebung beginnt, Einfluss auf die Bewohner auszuüben und diese schließlich in ihren Dienst zu nehmen; und an Marcus Pohls furiose Space-Opera-Parodie Der Circus lauert überall.

Das Publikum entschied anders: Es wählte in einem Online-Voting Christian von Asters Geschichte Infogeddon für den mit 2.500 Euro dotierten Publikumspreis. "Infogeddon" beschwört eine Welt herauf, in der Realität und manipulierte Information nicht mehr unterscheidbar sind. Ein alternativer Lebensstil, der sich jenseits der von Werbung und politischer Beeinflussung beherrschten Medien etabliert, stellt sich als manipuliert heraus, die Leitfigur der Bewegung ist eine Erfindung von Medienmachern.

Die zehn von der Jury nominierten Beiträge bleiben weiterhin auf Telepolis in der Rubrik Magazin zugänglich. Zum Projekt "what if" gehören neben dem Wettbewerb eine insgesamt zwölf Stunden umfassende Sendereihe mit Hörspielen, Gesprächen und Features im hör!spiel!art.mix in Bayern2Radio und eine Serie von Essays zum Thema Zukunft, Wissenschaft und Science Fiction auf Telepolis. (fr)