Kassieren per Handy

Square, das neue Start-up eines der Twitter-Gründer, macht mobile Kreditkartenzahlungen einfach wie nie zuvor. Diese Innovation könnte weitreichende Folgen für Transaktionen aller Art haben.

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Von
  • Jason Pontin

Square, das neue Start-up eines der Twitter-Gründer, macht mobile Kreditkartenzahlungen einfach wie nie zuvor. Diese Innovation könnte weitreichende Folgen für Transaktionen aller Art haben.

Anfang 2009 war Jack Dorsey, einer der Twitter-Gründer, etwas orientierungslos. Wenige Monate zuvor hatte ihn sein Kompagnon Evan Williams als Chef des Kurznachrichtendienstes abgelöst. Da brachte ein gescheiterter Verkauf neuen Antrieb in sein Leben. Ein alter Bekannter, der Seriengründer Jim McKelvey, rief ihn an und klagte: "Ich habe gerade 3000 Dollar Umsatz verloren, weil ich keine Kreditkarten akzeptieren kann."

McKelvey hatte sich aus der Geschäftswelt weitgehend zurückgezogen und war Glasbläser geworden. "Ich wollte einer Dame aus Panama einen Glas-Wasserhahn verkaufen", erzählt er, "aber ich konnte in meinem Studio keine American-Express-Zahlungen verarbeiten. Als ich dann mit Jack telefonierte, fiel mir auf, dass ich ironischerweise fast die gesamte Hardware in der Hand hielt, die man dafür braucht" – nämlich ein iPhone.

Dorsey und McKelvey setzten sich mit einem Programmierer zusammen, um ein eigenes System zur Kreditkartenzahlung zu entwickeln. Innerhalb eines Monats bauten sie einen Prototypen, bestehend aus einem Magnetstreifen-Lesegerät, einer iPhone-App sowie entsprechender Server-Software. Im März 2009 präsentierten sie ihr System auf einer Konferenz der kleinen, aber feinen Investmentbank Allen & Company. Sie führten den Prototypen auch in den Büros der großen Kartenfirmen vor, die sie als wichtigste Partner brauchen würden. Im November nahmen sie ihre ersten zehn Millionen Dollar an Wagniskapital auf. Und am 1. Dezember gab Dorsey den Start eines neuen Unternehmens namens Square bekannt.

Jack Dorsey ist ein schmächtiger Mann von 34 Jahren, der überlegt spricht, selten lächelt und wenn, dann nur ganz leicht. Er habe schnell herausgefunden, sagt er, warum nicht einfach jedermann Kreditkartenzahlungen annehmen kann: Weil das außergewöhnlich komplex, undurchsichtig und teuer sei. Und natürlich weil viele etablierte Mitspieler von dieser Komplexität profitierten. "Wenn ich ein Café aufmache und Kreditkarten akzeptieren möchte, gibt es massive Reibungsverluste", erklärt er: Als Erstes muss man direkt bei einer Bank oder – für geringere Volumina – über Zwischenhändler ("Independent Sales Organizations", kurz ISOs) ein Händlerkonto beantragen. Das erfordert eine Bonitätsprüfung, die eine Woche dauern kann. Die Freischaltungskosten betragen dann 35 bis 40 Dollar. Außerdem muss man Hardware für hohe dreistellige Dollarbeträge kaufen und 15 bis 25 Dollar an Monatsgebühren zahlen, selbst wenn man gar keine Umsätze macht.

"Ich habe also für 700 Dollar eine Kasse gekauft, die nicht viel mehr ist als ein Taschenrechner mit Geldfach", sagt Dorsey. "Dazu kommt eine zweite hässliche Kiste für die Kreditkarten. Wenn dann jemand einen Cappuccino haben will, muss ich das in die erste Kiste eintippen. Die gibt dann eine Zahl aus, die ich in die zweite Kiste eingeben muss. Ich muss die Karte des Kunden dann durch diese Kiste ziehen und ihm einen Zettel zum Unterschreiben und die Quittung aus der ersten Kiste geben. Es ist so ein verdammtes Durcheinander."

"Und das ist nur der Anfang", mischt sich Keith Rabois ein, Chief Operating Officer von Square und früherer Leiter der Geschäftsentwicklung bei PayPal und LinkedIn: "Die Bezahlbranche basiert auf Verschleierung." Jeder locke mit niedrigen Gebühren wie 1,7 Prozent pro Transaktion. Aber die wahren Kosten seien mit bis zu vier Prozent viel höher.

Das neue Zahlsystem von Square soll alldem ein Ende setzen: Es gibt keine Bonitätsprüfung, keine Hardwarekosten und keine fixen Gebühren. Jede Transaktion kostet 2,75 Prozent vom Umsatz plus 15 Cent. Daraus bezieht Square seinen Gewinn und bezahlt die Kreditkartenfirmen. Das ist alles.

Rabois führt mir das System vor. Er steckt ein 2,5 Zentimeter großes quadratisches Lesegerät aus Kunststoff – ebenfalls Square genannt – in die Audiobuchse seines iPhones, startet eine App und zieht meine Kreditkarte durch das weiße Quadrat. Die App sendet die ausgelesenen Daten dann verschlüsselt an die Server von Square, die sie an das globale Zahlungsnetz weiterleiten. Ich unterschreibe mit dem Finger auf dem Bildschirm des iPhones und gebe an, ob ich die Quittung als E-Mail oder als SMS haben möchte. All das fühlt sich erstaunlich befriedigend an. Square ist einfach elegant. Die Nutzerführung ist auf die geringstmögliche Zahl von Schritten reduziert, die App hat extrem wenige Funktionen.

Fast ebenso einfach ist es, ein Konto für das Entgegennehmen solcher Zahlungen einzurichten: Man lädt eine App auf sein iPhone (oder auch auf ein iPad, iPod Touch oder Android-Gerät) und gibt seine persönlichen Daten ein. Zwei Tage später liegt ein kostenloses Square-Gerät im Briefkasten. Zur Not kann man vorher schon – ohne Lesegerät – die Kreditkartendaten per Hand eintippen. Square rechnet damit, dass der quadratische Dongle irgendwann ohnehin überflüssig sein wird, weil etwa Funktechnologien wie die sogenannte Near Field Communication die Datenübertragung zwischen Karte und Smartphone vereinfachen werden.

Schon jetzt hat das System viele Anhänger gefunden, die sich begeistert von etwas zeigen, was eigentlich eine bloße Finanzdienstleistung ist. 50000 Menschen haben an einem Pilotprogramm teilgenommen, das kurz nach der Firmengründung begann. Vom offiziellen Start im vergangenen Oktober bis Januar gab es dann 165000 Neuanmeldungen. Laut Rabois will Square im laufenden Jahr eine Milliarde Dollar an Transaktionen abwickeln. Ein ehrgeiziges Ziel – derzeit sind es erst zwei bis zehn Millionen Dollar pro Woche.

Einer der ersten Nutzer ist Ayr Muir, Gründer von Clover Food Lab, einem Unternehmen, das Imbisswagen für Vegetarier und ein Restaurant in der Nähe von Boston betreibt. "Kreditkartensysteme sind schrecklich", sagt Muir, Absolvent des MIT sowie der Harvard Business School und ehemaliger Berater bei McKinsey. "Die ISOs sind zwielichtig. Sie sind nicht transparent, sie haben keine fairen Gebühren, und am Ende zahlt man immer mehr als erwartet."

Für die Ambitionen von Square gibt es kaum eine Grenze. Dorsey will eine "allgegenwärtige Grundversorgung" wie bei Twitter aufbauen. "Square lässt sich problemlos immer größer machen – von Einzelgeschäften, wenn jemand etwa eine Couch verkauft oder Klavierunterricht gibt, über kommerzielle Dienstleister wie Rechtsanwälte, Hausärzte oder Innenarchitekten bis zu etablierten Einzelhändlern." Als naheliegendste Kunden nennt Rabois die 27 Millionen Unternehmen in den USA, die bislang keine Kreditkarten akzeptieren. Außerdem gibt es noch 33 Millionen Amerikaner, die ab und zu Güter oder Dienstleistungen verkaufen und sich in bar oder per Scheck bezahlen lassen. Dazu kommen sieben Millionen Geschäftsinhaber wie Muir, die zwar schon Kreditkarten akzeptieren, sich aber ein besseres Zahlverfahren wünschen. Und schließlich will Square ab 2012 auch außerhalb Nordamerikas Zahlungssysteme anbieten.

Die zunehmende Zahl begeisterter Nutzer, der Reiz des potenziell riesigen Marktes und Dorseys Bekanntheit haben Square zu einem gefragten Investment im Silicon Valley gemacht. Insgesamt hat das Start-up 37,5 Millionen Dollar Kapital von großen Investoren wie Sequoia Capital, Khosla Ventures oder JPMorgan Chase bekommen, viele davon Freunde von Dorsey. Laut "Wall Street Journal" liegt die Bewertung von Square bei 240 Millionen Dollar – eine beträchtliche Summe für ein derart junges Unternehmen.

Eine zusätzliche Bestätigung für Square: Inzwischen drängen auch größere Unternehmen in das mobile Bezahlgeschäft. VeriFone hat "PAYware Mobile" gestartet, Intuit "GoPayment" und TF Payments den Dienst "FocusPay". Sie alle ermöglichen Nutzern, Kreditkartenzahlungen anzunehmen, indem sie Kartenleser an ihre Smartphones anschließen. Doch Rabois macht sich nach eigenem Bekunden keine Sorgen wegen der großen Konkurrenten. Ihre Hardware möge der von Square ähneln, aber in Wirklichkeit böten sie gar kein neues Zahlungssystem, sondern agierten wie ein herkömmliches – genauso komplex, undurchsichtig und teuer. "Ich mache mir eher Gedanken darüber, wie man ein Produkt mit null Ausfällen bieten kann", sagt Rabois.

Rabois tut gut daran, denn der Start von Square war pannenreich. Weil die ersten Leseköpfe kleiner waren als bei konventionellen Geräten, erfassten sie die Kartendaten oft erst nach mehreren Versuchen. "Ich musste die Karte zwei-, drei- oder siebenmal durchziehen", berichtet Clover-Gründer Muir, "es war irgendwie albern." Außerdem kamen die ersten Squares nicht mit dem externen Metall-Antennenband des iPhone 4 zurecht. Nutzer versuchten deshalb, Telefon und Lesegerät mit einem Stück Papier voneinander zu entkoppeln – ein skurriler Anblick. Um das Betrugsrisiko zu begrenzen, ließ Square anfangs zudem nur Transaktionen bis 100 Dollar zu, was eine gravierende Einschränkung darstellte.

Laut Square-Führungsriege sind die anfänglichen Probleme inzwischen gelöst. Die Techniker haben das Lesegerät vergrößert und die Signalverarbeitung der App verbessert – mittlerweile lassen sich die Karten meist beim ersten Durchziehen einlesen. Auch die Obergrenze von 100 Dollar wurde abgeschafft und durch einen funktionellen Schwellenwert ersetzt: Wenn ein Händler in einer Woche mehr als 1000 Dollar über Square abrechnet, wird der Betrag oberhalb dieser Summe als Absicherung gegen mögliche Rückbuchungen 30 Tage lang einbehalten.

Es mag verdienstvoll sein, ein komplexes und undurchsichtiges System für Kreditkartenzahlung einfach und transparent zu machen. Aber Square könnte darüber hinaus auch für die Digitalisierung von Transaktionen sorgen, die bislang in bar erfolgen. Die dabei erfassten Daten können wertvolle Informationen liefern – etwa darüber, wie viele Menschen in einem Café einen Cappuccino und dazu noch Kekse bestellt haben. Genau solche Daten sind der eigentliche Grund dafür, warum sich Investoren so sehr für Square interessieren. Investor Gideon Yu, früher Finanzchef bei Facebook und Yahoo und heute Partner bei Khosla Ventures, bringt es auf den Punkt: "Die neuen Analyse-möglichkeiten durch Square werden in der Zukunft seine wichtigsten Werttreiber sein."

Niemand bei Square weiß wirklich, wie hoch der Wert der neuen Informationen letztlich sein wird. Allgemein glaubt man dort aber, dass – wie einst bei Twitter – überraschende Dinge passieren werden, wenn der Dienst erst einmal größere Verbreitung gefunden hat. Yu nennt als Beispiel die Zusammenführung von Transaktionsdaten, Geodaten und sozialen Daten einer Person für eine Analyse der Kreditbewertung. "Allein das könnte zu einem Milliardengeschäft werden." (bsc)