Unter Privatenflagge
Wer HD-Programme von ProSiebenSat.1 oder der RTL-Gruppe sehen wollte, brauchte bislang in der Regel eine Sat-Anlage und das HDTV-Programmpaket HD+. Künftig können auch Kabelnetzkunden die schöne HD-Privatfernsehwelt erleben – und bekommen sogar noch die Mediatheken der Sendergruppen dazu.
Deutsche Privatsender in HDTV gab es bislang für Kabelkunden generell nicht, Ausnahmen bildeten lediglich Tele Columbus und der über Eutelsat ausgestrahlte Kabelkiosk, die allerdings vergleichsweise wenige Zuschauer in Deutschland erreichen. Doch nun kommt endlich Bewegung in die Sache: Der baden-württembergische Netzbetreiber Kabel BW teilte Ende Juni mit, ab sofort die HD-Fassungen der Kanäle RTL, RTL2 und Vox einzuspeisen. Nur einen Tag später folgte Deutschlands größter Kabelnetzprovider Kabel Deutschland (KDG) mit einer ähnlichen Ankündigung. Hier ging es allerdings um die im Oktober startende Verbreitung der HDTV-Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe, namentlich ProSieben HD, Sat.1 HD und Sixx HD. Letzterer ist seit dem 4. Juli zudem auch Bestandteil der HDTV-Basisangebote von Tele Columbus und des Kabelkiosks.
Kunden von Kabel BW und KDG können somit künftig jeweils einen Teil des HDTV-Angebots erhalten, das es über HD+ zu sehen gibt. Konkrete Aussagen über die zuletzt bei HD+ hinzugekommenen Kanäle – Comedy Central HD, Nickelodeon HD und N24 HD – machten die beiden Provider bislang nicht; man stehe aber in Verhandlungen mit allen HDTV-Sendern. Klar ist aber bereits, dass es die Privatsender in HD bei Kabel BW nicht umsonst gibt: Für die drei Programme der RTL-Mediengruppe und Sport1 HD im „MeinTV HD Plus“-Paket berechnet der Provider eine „Servicepauschale“ von 3,90 Euro im Monat. Kunden, die bereits das HD-Paket „MeinTV HD“ für monatlich 9,90 Euro abonniert haben, erhalten die neuen HD-Sender ohne Zusatzkosten. Zudem werden Interessenten im Kleingedruckten darüber informiert, dass Aufnahme und Timeshift „vorübergehend aus technischen Gründen“ nicht möglich sind. Ob und wann sich daran etwas ändert, ist ungewiss.
Kabel Deutschland hält sich bezüglich eventueller Zusatzgebühren bislang bedeckt; nähere Infos will man erst kurz vor Start des Angebots bekanntgeben. Und auch hier stellt sich natürlich die Frage, ob sich die neuen HDTV-Kanäle wie die HD-Sender von ProSiebenSat.1 bei Kabel BW nicht aufzeichnen lassen. Denkbar wäre auch ein Firmware-Update für den von KDG vertriebenen Sagemcom-Recorder, das dafür sorgt, dass man zwar HD-Sendungen von ProSiebenSat.1 aufzeichnen, durch diese Mitschnitte aber nicht vorspulen kann – analog den Vorgaben bei HD+-zertifizierten Recordern. Anders als etwa bei HD+ soll hier Vorspulen „zu 99 Prozent gehen“, teilte ProSiebenSat.1 gegenüber c’t mit – und die Funktion ist nur sinnvoll, wenn man vorher auch aufnehmen kann. Eine Weitergabe der Aufnahme ist freilich offiziell auch hier nicht vorgesehen.
Alles auf Abruf
Die Einspeisung der HD-Kanäle ist nur ein Teil der Deals: Kabel BW und KDG machen über ihre Video-on-Demand-Dienste auch die Mediatheken der Sendergruppen zugänglich, die bislang nur über das Internet erreichbar waren. RTL könnte somit über „RTL now“ künftig beispielsweise Episoden seiner Seifenoper „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ vor der TV-Ausstrahlung auch hier verkaufen. Unklar ist noch, ob ProSiebenSat.1 auch seine Online-Videothek Maxdome über diesen Weg zum Zuschauer bringen wird.
Genutzt werden dabei allerdings nicht die „klassischen“ Video-on-Demand-Angebote der Kabelnetzprovider, bei denen Filme schlicht in einer Schleife gesendet werden und der Zuschauer nur zu bestimmten Zeiten einsteigen kann – so wie dies aktuell bei Kabel Deutschlands „Kino Select“ noch der Fall ist. Vielmehr ist dabei ein neues Pay-per-View-Angebot gemeint, bei dem Kunden tatsächlich Filme einzeln gegen Bezahlung abrufen können. Der digitale TV-Datenstrom wird dabei zwar weiterhin über das DVB-C-Netz ausgeliefert, jeder VoD-Kunde bekommt aber – vereinfacht gesprochen – einen eigenen TV-Kanal. Die Freischaltung des verschlüsselt übertragenen Bitstreams läuft dabei über die gewöhnliche Smartcard. Nutzen lässt sich auch dieser Dienst nur mit „interaktiven“ Receivern mit Breitband-Internetzugang, da die Geräte über diese Verbindung zum VoD-Server aufnehmen. Neben der Möglichkeit, einen gemieteten Film 48 Stunden lang beliebig oft anschauen zu können, punktet die neue Variante auch mit einer besseren Bildqualität (bis zu HD und 3D) sowie Originalton.
Kabel BW hat dieses „echte“ Video on Demand Ende 2010 flächendeckend in Baden-Württemberg eingeführt; nutzen lässt es sich bereits mit fünf Receiver-Modellen. Kabel Deutschland bietet einen solchen Service seit Ende März 2011 unter dem Namen „Select Video“ vorerst nur in Berlin, München und Hamburg an. Für die Nutzung des Dienstes benötigen KDG-Kunden den digitalen HD-Video-Recorder (HD-DVR), der in den „+-TV-Paketen“ des Providers enthalten ist. Obwohl sich dessen Verbreitung noch in Grenzen halten dürfte, beendet Kabel Deutschland zum 31. August seinen momentan noch parallel laufenden VoD-Dienst „Kino Select“. Auch wenn „Select Video“ in den kommenden Monaten Schritt für Schritt auf andere Städte im KDG-Land ausgeweitet werden soll, spricht dies nicht gerade dafür, dass „Kino Select“ ein durchschlagender Erfolg war.
Nicht ganz unwichtig dürfte für die Entscheidung von ProSiebenSat.1 auch gewesen sein, dass Kabel Deutschland dem Unternehmen über sein VoD-Portal auch einen eigenen Auftritt ermöglicht. So lasse sich für „jeden Sender eine eigene Welt schaffen”, Shops auf Wunsch inklusive – ein Zusatzgeschäft, dem die Privatsendergruppen sicher nicht abgeneigt sind. (nij)