Zum goldenen Löwen
Mit Erscheinen dieser c’t dürfte Mac OS X 10.7 bereits auf dem Markt sein; Apple hatte „Lion“ für Juli versprochen. Eine Golden-Master-Version, die in der Regel funktionsidentisch mit dem finalen System ist, erschien pünktlich zum Monatsbeginn.
- Andreas Beier
- Tobias Engler
Die neue OS-X-Version 10.7 wird ausschließlich im Mac App Store erhältlich sein, zu einem Preis von knapp 24 Euro. Eine spezielle Server-Variante bietet Apple nicht länger an. Für 40 Euro gibt es hingegen – ebenfalls im Online-Laden – das Programm „Server“, quasi die Bedienoberfläche der Server-Komponenten, als Update. Ein Großteil der Server-Dienste steckt seit jeher auch im Standard-Mac-OS-X, weitere Teile lädt „Server“ von Apple-Rechnern nach.
Voraussetzung ist jeweils ein installiertes Mac OS X 10.6 (Snow Leopard) auf einem Mac mit Core-2-Duo-, Core-i- oder Xeon-Prozessor und Minimum 2 GByte Hauptspeicher. Diese Rechner sind 64-Bit-tauglich, Lion startet nun standardmäßig mit einem 64-Bit-Kernel. Der 32-Bit-Kernel ist aber nach wie vorhanden.
Unbeantwortet lässt Apple indes die Frage, wie Anwender an Lion gelangen sollen, die zwar einen tauglichen Rechner, aber noch Mac OS X 10.5 besitzen: Der Zugriff auf den Mac App Store setzt ja Systemversion 10.6 voraus. Eine Funktion zum Brennen einer DVD bringt der Lion-Installer nicht mit, sodass man auch nicht so ohne Weiteres an einem anderen Mac eine Installationsscheibe brennen kann. Vermutlich – Apple hat noch nichts dazu gesagt – wird man sich in einem solchen Fall Snow Leopard auf DVD kaufen müssen, die kostet im Apple Store 29 Euro.
Mit dem Verzicht auf die DVD sehen Kaffeesatzleser deren Ende bei Apple eingeläutet und wähnen schon neue Mac-Modelle ohne optisches Laufwerk am Horizont. Ähnlich wie das MacBook Air könnten sie ihr Betriebssystem auf USB-Stick mitbringen oder gar im EFI (Extensible Firmware Interface) die Fähigkeit besitzen, sich die System-Software direkt von Apples Servern zu laden. Passen würde es zu dem Unternehmen, das gerne alte Zöpfe abschneidet.
Privatanwender dürfte trotzdem freuen, dass sie das Betriebssystem und die Server-Erweiterung auf sämtlichen Macs installieren können, die mit ihrem Mac-App-Store-Account verknüpft sind, statt es mehrmals erwerben zu müssen. Zumindest in den USA scheint Apple für Unternehmen und Bildungseinrichtungen Volumenlizenzen zu planen: Firmen sollen damit wie Privatkunden 30 US-Dollar pro Lion-Lizenz zahlen, aber mindestens 20 Lizenzen abnehmen müssen. Kunden aus dem Bildungsbereich können anscheinend die „Apple Software Collection“ wählen, die weiterhin Mac OS, iLife und iWork umfasst. Deren Einzelpreis hängt von der Anzahl der Lizenzen ab; für 25 Arbeitsplätze kostet sie 39 US-Dollar. In Deutschland gibt es hierzu noch keine Informationen von Apple. Die Käufer einer Volumenlizenz erhalten einen Code für den Mac App Store. Das Lion-Installationsprogramm soll auf alle lizenzierten Macs kopiert und dort ausgeführt werden. Mit dem System Image Utility können Administratoren von einer Systeminstallation wie bisher NetInstall-Images oder NetRestore-Images erstellen.
Nach den Nutzungsregeln des Mac App Store dĂĽrfen Unternehmen und Bildungseinrichtungen ein dort bezogenes Softwareprodukt entweder auf mehreren Macs eines einzelnen Mitarbeiters oder auf einem einzelnen Mac einsetzen, den sich mehrere Mitarbeiter teilen. Updates gelangen wie gewohnt ĂĽber die Betriebssystemfunktion auf den Rechner, eine Apple-ID muss man dafĂĽr nicht eingeben.
Vierteltausend
In Lion will Apple 250 neue Funktionen eingebaut haben. Dabei haben sich die Entwickler von iOS inspirieren lassen. Das fängt bei den Scrollbalken an, die nicht mehr aqua-blau leuchten, sondern nur noch halb so breit in Grau. Auf Wunsch blenden sie sich nur während eines Scrollvorgangs ein. Einstellen darf man auch, ob sich der Fensterinhalt in Richtung der Scrollbewegung verschiebt, oder wie bei iOS entgegen.
Der neue Schnellstarter präsentiert den Inhalt des Ordners „Programme“ nicht in einem Finder-Fenster, sondern ähnlich wie unter iOS: Nach dem Aufruf blendet er alle laufenden Anwendungen aus und legt sich wie eine dunkle Glasscheibe mit allen im Ordner „Programme“ gespeicherten Anwendungen über den Schreibtisch. Auch der Unterordner „Dienstprogramme“ verhält sich dann wie auf iOS-Geräten: Er zeigt die Symbole der ersten neun enthaltenen Programme in verkleinerter Form an. Nach einem Klick springt er auf und schiebt seinen Inhalt von unten ins Bild. Vom Anwender angelegte Unterverzeichnisse ignoriert das Launchpad jedoch. Auch lassen sich Programme nicht per Tastatur auswählen oder starten, etwa durch Eingabe der ersten Buchstaben ihres Namens. Die Launchpad-Darstellung schaut schick aus, hat man aber viele Programme installiert, ist sie keine große Hilfe. Übers Dock oder durch Eingabe der ersten Buchstaben des Namens ins Spotlight-Suchfeld lassen sich Programme schneller öffnen.
Wesentlich hilfreicher als der Schnellstarter ist „Mission Control“, welches die Funktionen von Dashboard, Exposé und Spaces vereint. Alle geöffneten Fenster erscheinen übersichtlich gestapelt in verkleinerter Form. Man kann sie zwischen den verschiedenen Monitoren von Spaces bewegen oder auch neue Desktops anlegen.
Sicherer im Detail
In puncto Sicherheit soll Mac OS X 10.7 entscheidend zugelegt haben. Um das zu verifizieren, bat Apple noch während der Entwicklung externe Sicherheitsexperten, das neue System intensiv zu testen – darunter etwa Dino Dai Zovi und Charlie Miller, die OS X 10.6 in c’t und Mac & i schon einmal grobe Sicherheitsmängel attestierten. Wie die Sicherheit in der Praxis tatsächlich ausfällt, bleibt abzuwarten, aber an den zugrundeliegenden Techniken hat Apple einiges verbessert.
So lernte etwa die bei Mac OS X 10.6 noch heftig kritisierte Address Space Layout Randomization dazu. Apples Entwicklungsumgebung Xcode erzeugt nun sogenannte Position Independent Executables (PIE), die Lion beliebig im Speicher platzieren kann. Das NX-Flag (No Execute) für Daten ist standardmäßig für 64-Bit- und 32-Bit-Systeme gesetzt, unter Snow Leopard war es nur unter 64 Bit aktiv.
Stark verbessert zeigt sich ebenso die Sandbox, die unter dem Namen „App Sandboxing“ Furore machen will. Ab Winter sollen sogar Programme, die sie nicht nutzen, nicht mehr in den Mac App Store dürfen. Mit Hilfe von Regeln, beispielsweise für Netzwerkverbindungen, Drucker- und Dateizugriffe, kann jeder Entwickler angeben, auf welche Ressourcen eine Anwendung Zugriff benötigt. Ob ein Programm die Sandbox nutzt, verrät die Aktivitätsanzeige, wenn man im Menü „Darstellung“ die Spalte „Sandbox“ einblendet. XPC, eine Weiterentwicklung der Interprocess Communication (IPC), soll im Zusammenspiel mit der App-Sandbox sogar einzelne Threads eines Programms rechtemäßig abgrenzen können (Privilege Separation).
Neu in Lion und besonders von Besitzern mobiler Macs herbeigesehnt, ist das erweiterte FileVault. Dahinter steckt nicht mehr wie bisher nur ein verschlüsseltes Home-Verzeichnis, sondern eine verschlüsselte Systempartition. Da die Festplatte in Macs standardmäßig nur eine Partition hat, dürfte FileVault bei den meisten Anwendern auch die persönlichen Daten schützen. Ist eine Platte in mehrere Partitionen unterteilt, muss man sich mit verschlüsselten Disk-Images behelfen.
Die Verschlüsselung kann man nur durch das Anmeldepasswort des Anwenders oder einen speziellen, automatisch generierten Wiederherstellungsschlüssel außer Kraft setzen. Den sollte man sicher aufbewahren. Zusätzlich kann man ihn auch vom System auf einem Apple-Server ablegen lassen.
Schon frĂĽh im Startvorgang fragt ein Mac mit verschlĂĽsselter Systempartition nach den Anmeldedaten. Vorsicht: Dieses Anmeldefenster nutzt eine amerikanische Tastaturbelegung. Ăśber das Flaggensymbol stellt man auf deutsche Tastatur um.
Auch die systemweite Backup-Funktion Time Machine verschlüsselt unter Lion ihre Datensicherungen auf Wunsch. Der in früheren Vorabversionen noch vorhandene Modus „Lokale Schnappschüsse“ scheint es nicht in die goldene Version geschafft zu haben, wir haben ihn zumindest nicht mehr gefunden.
Als Ergänzung zu Time Machine agiert die Versionverwaltung von Lion. Sie arbeitet Hand in Hand mit der neuen AutoSave-Funktion, die Datei(version)en fix im Stundenabstand sichert. Versionen lassen sich aber auch manuell anlegen. Die vorhandenen Versionen eines geöffneten Dokuments erreicht man über ein Popup-Menü hinter einem kleinen Dreieck rechts neben dem Dateinamen in der Fensterleiste, das sich erst zeigt, wenn man den Namen mit dem Mauszeiger berührt. Neben dem Namen steht bei veränderten, aber noch nicht gesicherten Dokumenten der Hinweis „Bearbeitet“.
Die Bedienoberfläche zum Sichten vorhandener Dateiversionen erinnert stark an die von Time Machine. Sie reiht alte Versionen entlang eines Zeitstrahls hintereinander auf. Den aktuellen Dokumentenstand hat man stets links daneben im Blick. Praktisch: So kann man mal eben aus einer älteren Version ein Bild oder einen Absatz retten, ohne die komplette Datei wiederherstellen zu müssen. Damit das klappt, müssen es Anwendungen explizit unterstützen, so wie etwa TextEdit oder Vorschau.
Schützt man eine Datei vor dem automatischen Sichern, fragt die Anwendung bei der nächsten Änderung nach, ob sie die Datei freigeben oder zur Bearbeitung duplizieren soll. Im unsichtbaren Verzeichnis „/.DocumentRevisions-V100“ führt Mac OS X 10.7 Buch über die aufgelaufenen Versionen. Dort gibt es für jedes Benutzerkonto Unterverzeichnisse; die Verwaltungsinformationen scheinen hauptsächlich in zwei Datenbanken zu stecken.
Überaus praktisch ist auch die Resume-Funktion. Sie sorgt nach einem Neustart dafür, dass alle Anwendungen wieder dort weitermachen, wo sie aufgehört haben. Das System restauriert geladene Dokumente und offene Fenster, der Cursor steht an der alten Position. Das spart Zeit, schließlich nutzt man ja doch meistens dieselben Anwendungen.
Lion wartet noch mit weiteren neuen Funktionen und Verbesserungen auf – einen ausführlicheren Bericht darüber bringt Mac & i Heft 2, das im Fachhandel oder beim Heise-Kiosk (siehe c’t-Link) erhältlich ist.
(adb)