Hallo - wer bist du?

Online-Identitäten haben etwas Spielerisches, aber es ist nicht nur ein Experimentieren mit neuen Möglichkeiten. Angesichts der Datenbegehrlichkeiten von Unternehmen und Behörden ist es auch auch Selbstschutz, wenn mancher seine Identität lieber im Ungewissen lassen will.

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Von
  • Peter Glaser

Online-Identitäten haben etwas Spielerisches, aber es ist nicht nur ein Experimentieren mit neuen Möglichkeiten. Angesichts der Datenbegehrlichkeiten von Unternehmen und Behörden ist es auch auch Selbstschutz, wenn mancher seine Identität lieber im Ungewissen lassen will.

Seit vor kurzem die vermeintliche lesbische Bloggerin Amina Arraf aus Syrien als ein 40-jähriger in Edinburgh lebender Amerikaner enttarnt wurde, stellt sich aufs Neue die Frage nach der Glaubwürdigkeit digitaler Identität. Zu den Fähigkeiten, über die nun jeder im Internetzeitalter verfügen sollte, gehört auch, herausfinden zu können, wer einem da, repräsentiert durch ein paar stumme Zeilen oder Icons am Bildschirm, eigentlich gegenübersitzt. Während wir in der Realwelt über eine Palette von Möglichkeiten verfügen, um ein Gegenüber einschätzen zu können – von der Körpersprache über Handschrift und Stimme bis hin zur Reaktion auf Ironie, etc. –, verengt sich der Einblick, wenn wir jemandem online begegnen.

Das kann ein Anlass für eine vorurteilsfreie Begegnung sein, bei der Dinge wie Aussehen, Hautfarbe oder Status keine Rolle spielen. Geschützt durch Anonymität oder Pseudonymität, breiten Menschen im Netz oft ihre persönlichsten Gedanken und Gefühle aus. Offenbar fällt es vielen leicht, Schwächen und Geheimnisse auszusprechen, wenn sie sich einem Computer anvertrauen können. Bei Sozialen Netzen gibt es eine fließende Verbindung zwischen der Community und der Realwelt. Durch die Verflechtung zwischen Online-Welt und Offline-Welt kann man seine Identität im Netz gar nicht ohne weiteres manipulieren. Man kann also weiterhin das für Beziehungen nötige Vertrauen entwickeln – wobei Zeit eine wichtige Rolle spielt.

Durch die Verlagerung der Face-to-Face-Kommunikation ins Netz fällt das ganze nonverbale Verhalten weg. Alles läuft schriftlich oder über Bilder ab, und man kann besser als offline kontrollieren, wie man sich darstellt. Auf der anderen Seite sind es gerade die nonverbalen Signale, die besonders zu Beginn einer sozialen Beziehung eine große Rolle spielen. Das macht das Kennenlernen zwar langwieriger, aber es hat auch etwas Reizvolles. Und herauszufinden, ob man jemandem vertrauen kann, ist weder für einen Journalisten, der Informationen sucht, immer ganz einfach, noch für jemanden, dem nach Freundschaft oder einer Beziehung ist.

Es wird einem im Netz so einfach wie noch nie gemacht, Kontakte zu knüpfen, wobei die sozialen Netze vor allem das Kennenlernen fördern, weniger die Kontinuität. "Man erwirbt keine Freunde, man erkennt sie", schrieb Wilhelm Busch – das gilt auch online, wo man sein Gegenüber etwa an seiner Ausdrucksweise oder den Umgangsformen nach einem Charakterbild abtasten kann. Denn die Beschränkungen der Netzkommunikation bieten nicht nur neue Möglichkeiten, etwa ein endlos dahinfließendes Gespräch ohne Hallo und Tschüss – den Stream –, bei dem man einfach antwortet, wenn man wieder Zeit hat. Was manchmal übersehen wird, ist, dass das Netz nicht nur zuvor unbekannte Potentiale des Austauschs geschaffen hat, sondern auch neue Formen sozialer Probleme.

Die britische Journalistin Jenny Kleeman berichtete über Fälle, in denen Menschen schwere Krankheiten oder Traumata vortäuschen, um online von Unterstützern Sympathien einzusammeln – und dass derartige Phänomene in den letzten Jahren zunehmen. Es ist eine neue Art von Online-Betrug, bei der die Leute nicht um ihr Geld gebracht werden, sondern um ihre Zeit und um ihr Mitempfinden. Alles, was die Betrüger bekommen können, ist Aufmerksamkeit. Wobei der Aufbau einer solchen falschen Identität oft Monate dauert und eingehende Recherchen erfordert, um eine bis ins Detail glaubwürdige Geschichte präsentieren zu können; um das Lügengespinst möglichst überzeugend wirken zu lassen, gehört meist noch eine Gruppe fiktiver Freunde dazu. Marc Feldman, Professor für klinische Psychiatrie und Autor des Buchs "Playing Sick" hat für das Syndrom die Bezeichnung "Münchhausen By Internet" (MBI) eingeführt.

"Es war ein gutes Gefühl, die Zeit mit Menschen zu verbringen, die in erster Linie um mich besorgt waren", sagt eine Ex-Identitätsfälscherin namens Jeanette. Nachdem sie einmal angefangen hatte zu lügen, konnte sie nicht mehr aufhören. Die Motivation erscheint auch Psychologen einleuchtend: Sympathie von Hunderten von Menschen im Netz zu bekommen fühlt sich einfach besser an, als wenn sie nur von einem Menschen im weißen Mantel kommt. (bsc)