Querelen um Primacom gehen weiter
Mehr als ein halbes Jahr nach der geplatzten Übernahme des Kabelnetzbetreibers Primacom dauern die Querelen um das hoch verschuldete Unternehmen an. Die Hauptgläubiger-Gruppe versucht derzeit, den Verkauf einer holländischen Primacom-Tochter zu verhindern
Mehr als ein halbes Jahr nach der geplatzten Übernahme des Kabelnetzbetreibers Primacom dauern die Querelen um das hoch verschuldete Mainzer Unternehmen an. Die Hauptgläubiger-Gruppe mit Beteiligung der US-Investorgesellschaft Apollo versucht derzeit, den Verkauf einer holländischen Primacom-Tochter zu verhindern. Die Veräußerung des Tochterunternehmens Multikabel sei nicht genehmigt worden, meinen die Kreditgeber. Vor einem Londoner Gericht sei eine einstweilige Verfügung gegen Primacom erwirkt worden -- laut Apollo auf unbestimmte Zeit. Das Gericht ist zuständig, da sich die Auseinandersetzung um britische Verträge dreht.
Primacom bestätigte die einstweilige Verfügung. "Wir sind jedoch bereits dagegen vorgegangen", sagt ein Sprecher. Bei dem juristischen Streit gehe es um Vertragspassagen, die von der Primacom angeblich nicht eingehalten worden seien. Das Unternehmen sehe die Auseinandersetzung jedoch gelassen, sagte der Sprecher. Noch sei über den Widerspruch nicht entschieden.
Im Sommer 2004 war eine Übernahme der Primacom durch eine Tochter der Apollo gescheitert, da bei der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft knapp die Hälfte der stimmberechtigten Aktionäre den Verkauf abgelehnt hatten. Dazu hatte unter anderem die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) aufgerufen. Argument: Das Übernahmeangebot von etwa 25 Cent pro Aktie sei zu gering.
Das Telekommunikationsunternehmen betreibt nach eigenen Angaben Kabelnetze in West- und Mitteldeutschland und hat derzeit rund eine Million Kunden in Deutschland. Im Jahr 2003 erwirtschaftete Primacom einen Fehlbetrag von 118,1 Millionen Euro. Bei dem Unternehmen arbeiteten im September rund 760 Mitarbeiter. Ende Januar wurde die Aktie an der Frankfurter Börse für rund 2,70 Euro gehandelt.
Die Primacom AG steht nach eigenen Angaben bereits in fortgeschrittenen Verkaufsverhandlungen für die Multikabel. Es zeichne sich ab, dass die Gesellschaft deutlich über 500 Millionen Euro erlösen könnte. "Mit dem Verkauf könnte das Unternehmen auf einen Schlag die Hälfte seiner Schulden tilgen", sagt Markus Straub von der SdK. Straub sitzt ebenfalls im Aufsichtsrat der Primacom. Die Multikabel sei zwar eine sehr rentable Tochter, für eine notwendige Restrukturierung müsse sich das Unternehmen jedoch von ihr trennen.
Der gesamte Schuldenberg der Primacom beläuft sich laut Straub auf etwa eine Milliarde Euro. Mit rund 500 Millionen Euro steht der Kabel-Spezialist bei einem Konsortium geführt von Apollo und der J.P. Morgan Chase Bank in der Kreide. Diese nachrangig gesicherten Kredite haben einen Zinssatz von 20 Prozent - nach den Worten von Straub "sittenwidrig". Dies habe inzwischen auch ein Gutachter bestätigt. Ein Mainzer Gericht prüft derzeit, ob es eine entsprechende Klage gegen die Gläubiger annimmt. "Diese Entscheidung kann jedoch noch gut ein bis zwei Jahre dauern", sagt Straub. (Andrea Löbbecke, dpa) / (thl)