Die Hyperisierung

Die Verlinkung ist das milliardenfach praktizierte Grundprinzip des Netzes. Aber die Idee steht erst ganz am Anfang.

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Von
  • Peter Glaser

Die Verlinkung ist das milliardenfach praktizierte Grundprinzip des Netzes. Aber die Idee steht erst ganz am Anfang.

Das Browser-Plug-in Hyperwords macht aus jedem Wort ein Hyperlink. Schöpfer des Add-ons, das inzwischen für Firefox, Chrome und Safari zur Verfügung steht, ist der norwegische Informationsphilosoph Frode Hegland, der von London aus seit 20 Jahren an der Verbreitung von "liquid information" arbeitet – an einer größeren Durchlässigkeit und Reichhaltigkeit von Online-Texten, ganz im Einklang mit den Ideen des IT-Pioniers Doug Engelbart und seiner weitreichenden Konzepte zur Unterstützung von Wissensarbeitern.

"Die meiste Software die wir heute verwenden, gibt Nutzern nur sehr wenige Optionen", sagt Hegland. Die von Hyperwords erzeugten Links verweisen nicht nur auf eine Stelle im Web, sondern erlauben es, auf ganz unterschiedliche Art mit Wörtern durchs Netz zu steuern, zu suchen, zu sammeln, zu skizzieren und notieren oder zu teilen. Markiert man ein Wort oder eine Textstelle, erscheint ein Menü, über das man etwa zu verschiedenen Suchmaschinen, zu Online-Lexika wie der Wikipedia oder Wissensmaschinen wie Wolfram Alpha weiterreisen kann.

Mancher mag eine Maximalversion dessen befürchten, was man gemeinhin Featuritis nennt – ein als Zumutung empfundenes Überangebot an Möglichkeiten. Aber ich erinnere mich an einen Nachmittag in einem Hotelfoyer in Tokio, als ich an einem der Internet-Terminals dort saß und mich vertippte. Plötzlich nur noch japanische Zeichen am Bildschirm. Da sowas offenbar öfter vorkam, hatte, wie bald zu entdecken war, eine freundliche Seele ein kleines Zettelchen mit Hinweis auf die entsprechend belegte Funktionstaste angebracht. Zuerst blieb ich aber noch ein wenig auf dem japanischen Schirm, um mir ein interessantes Phänomen etwas genauer anzusehen, das sich da zeigte. Nach dem Druck auf eine Taste erschien nicht, wie wir es von unserem Zeichenvorrat gewohnt sind, das entsprechende Zeichen, sondern erst einmal eine Auswahl von weiteren Zeichen, aus denen das gewünschte erst ausgewählt werden musste. Da das Japanische bedeutend mehr Zeichen kennt als auf einer Standardtastatur Platz haben, ist dieser Zwischenschritt unvermeidlich.

Die vermeintliche Verkomplizierung führt, wie ich später erfahren habe, zu einer erfolgreichen Bildungsoffensive. Viele seltene Schriftzeichen, die ein Japaner in der Schule lernt und später im Alltag kaum braucht, sodass sie verblassen und zu verschwinden drohen, sind nun wieder intensiver in Gebrauch, seit Computer sie immer wieder als eine der Wahlmöglichkeiten bei der Texteingabe anbieten.

Mindestens genauso groß ist die Befürchtung, dass etwas ganz Schreckliches passiert, wenn sich die Grenzen von Texten auflösen oder, um es positiv auszudrücken: wenn vereinzelte Texte sich zu immer reichhaltigeren Gebilden verbinden, für deren verschiedene Formen und Qualitäten wir noch nicht einmal Namen haben. Es scheint eine Scheu davor zu geben, solchen neuen Aggregatzuständen von Kultur und Wissen, die nicht mehr nur einem Urheber oder Verwerter zugehören, überhaupt Bezeichnungen zu widmen. Die Sorge wird besonders von Verlegern und Urhebern geäußert, publizistischen wie akademischen, die alle sehen, wie die zuvor auf Papier an ihren Rändern deutlich begrenzte Seite nun nach und nach ihre Begrenzungen verliert. Es ist nicht ohne Ironie, dass Blau die Standardfarbe für Links ist – sie sehen aus wie kleine, feuchte Stellen, an denen das "Papier" aufgeweicht und durchlässig wird nach der Unendlichkeit der weiteren Textseiten der Welttextmasse hin.

Wie man an den Schwierigkeiten der Europäer mit dem Schengen-Abkommen sehen kann, ist die Angst vor Grenzöffnungen weit verbreitet, ob in der geografischen oder in der digitalen Welt.

Man feiert 20 Jahre WWW, aber auf den Online-Ablegern von Printmedien ist sehr oft immer noch die Befürchtung zu spüren – und an der fehlenden Verlinkung zu sehen –, die Leser könnten mit einem Klick aus dem Angebot grußlos hinaus in die Datenprärie verschwinden. Die Erkenntnis, dass Netznutzer gern wiederkommen, je öfter man sie wegschickt, belegt niemand erfolgreicher und besser als Google: Hat man einen Link auf einer Trefferliste gefunden, der einen interessiert, ist man weg – und möglicherweise schon Augenblicke später wieder da mit der nächsten Anfrage, weil einen die Trefferqualität oder auch nur die Quantität des Angebots überzeugt hat. (bsc)