200 Tage ohne Steve Jobs

Apple verdient so gut wie noch nie, die Aktie macht den Investoren Freude und die Mobilfunkbranche wartet gespannt auf das neue iPhone. Eigentlich alles Sonnenschein in Cupertino – wenn nur Steve Jobs wieder mit voller Kraft an Bord wäre.

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Von
  • Christoph Dernbach

Der 17. Januar 2011 war ein schwarzer Tag für Apple. Damals kündigte Konzernchef Steve Jobs in einer Mail an seine Mitarbeiter an, dass er sich zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen aus dem Tagesgeschäft bei Apple zurückziehen muss. "Ich liebe Apple und hoffe, so schnell wie möglich wieder zurück zu sein", schrieb Jobs. Er wolle jedoch weiterhin CEO bleiben und in die großen strategischen Entscheidungen bei Apple involviert bleiben.

Inzwischen sind über 200 Tage vergangen und der 56-jährige ist noch immer in "medical leave" – so lange, wie nie zuvor. Steve Jobs kämpft seit langer Zeit mit schweren Krankheiten. Vor sieben Jahren wurde er wegen Krebs behandelt. Bei einer Operation Ende Juli 2004 wurde ein Tumor an seiner Bauchspeicheldrüse entfernt. 2009 bekam er eine neue Leber.

2004 und 2009 stieg Jobs nach seinen Auszeiten wieder voll ins Tagesgeschäft ein und kümmerte sich um jedes noch so winzige Detail, wie es seinem Stil des Mikromanagements entspricht. Doch heute ist noch immer unklar, ob und wann der Chef wieder regelmäßig ins Büro kommen wird. Selbst wenn der jüngste Rückzug des Apple-Mitbegründers aus gesundheitlichen Gründen bald beendet würde, scheinen sich die Verhältnisse an der Konzernspitze dauerhaft zu verändern: Der CEO übernimmt nur noch strategische Aufgaben und überlässt die Details den anderen.

Um wichtige Dinge wie das neue Hauptquartier in Cupertino kĂĽmmert sich Steve Jobs noch selbst.

(Bild: Cupertino City Channel)

Mit drei öffentlichen Auftritten während seiner Auszeit im ersten Halbjahr 2011 hat Jobs selbst gezeigt, welche Themen ihm wichtig sind: Am 2. März präsentierte er der Öffentlichkeit das iPad 2 und erklärte 2011 zum Jahr des Apple-Tablets. Der Erfolg des iPads gab ihm recht. Am 6. Juni erschien der abgemagerte Apple-Chef im Moscone Center in San Francisco vor den Entwicklern der World Wide Developer Conference (WWDC) und stellte dort das Konzept der Cloud-Services von Apple iCloud vor. Und einen Tag später trat Jobs vor den Stadtrat von Cupertino, um Bürgermeister Gilbert Wong und die Stadtverordneten davon zu überzeugen, den Baupläne für einen neuen Apple-Campus besser keinen Stein in den Weg zu legen. (Mehr dazu in Mac & i Heft 3, ab 27. August im Handel.)

Andere Themen spielen für den Apple-CEO nur noch eine untergeordnete Rolle. Früher hat sich Jobs bei Verhandlungen mit Partnern in der Mobilfunkbranche um Kleinigkeiten wie das Design der iPhone-Werbeständer gekümmert, wie beleidigte Führungskräfte der Deutschen Telekom beim Manager Magazin beklagten. Inzwischen lässt der Apple-Chef seinen Stellvertreter Tim Cook die grundlegenden Verhandlungen mit dem weltweit größten Mobilfunkanbieter, China Mobile, alleine führen. Auch bei den wichtigen Geschäftsentscheidungen zum Kauf des Patent-Portfolios von Nortel, mit dem sich Apple gemeinsam mit Microsoft Munition im Patentkrieg um die Smartphones besorgt hat, soll Jobs keine tragende Rolle gespielt haben.

Diese Kompetenzverlagerung hat dem Geschäft bei Apple nicht geschadet. Zumindest fielen die jüngsten Quartalszahlen so gut wie nie aus. Und der Aktienkurs erreichte vor wenigen Wochen ein Allzeit-Hoch von über 400 Dollar, auch wenn das Papier aktuell unter dem Eindruck einer drohenden neuen Finanzkrise wieder um 25 Dollar nachgegeben hat.

Die gute Performance von Apple hindert Insider wie Trip Hawkins nicht daran, das baldige Ende der Apple-Vorherrschaft anzukündigen. Hawkins hatte Anfang der achtziger Jahre als "Director of Strategy and Marketing" bei Apple gearbeitet und sich damals mit Jobs einige Machtkämpfe geliefert. 1982 stieg Hawkins aus, um Electronic Arts (EA) zu gründen. Heute ist er Chef der Firma Digital Chocolate, die vor allem Spiele für Mobiltelefone herstellt – und Apple regelmäßig wegen der fehlenden Unterstützung von Adobe Flash bei iOS kritisiert. In einem Interview mit Edge lobte Hawkings seinen alten Ex-Chef zunächst als "Greatest CEO in history". Im gleichen Atemzug sagte er aber dann den Abstieg von Apple voraus: "Wenn man sich jede Institution in der Geschichte anschaut, etwa das Römische Reich – alles in der Geschichte – wie sehen die auf ihrem Höhepunkt aus? Schaut Euch Apple an. Wie kann man auf den Gedanken kommen, dass Apple nicht seinen Peak erreicht hat?"

Noch lebe der CEO, meinte Hawkings sarkastisch. Apple habe "dieses Tablet-Ding erfunden", mit dem iPhone das Telefon "neu erfunden" und großen Erfolg gehabt. Außerdem habe Apple dem Mac neues Leben eingehaucht. "Sie haben dieses Super-High-Marketing. Alle diese Dinge laufen so gut wie sie nur laufen können. Wie viel besser kann es noch kommen?" Vielleicht dauere es noch ein Jahr oder zwei. Dann werde der Abstieg einsetzen. Auch – aber nicht nur – wegen der großen Abhängigkeit Apples von Jobs. "Egal wie gut seine Offiziere sind, sie sind nicht Steve."

Der historische Vergleich von Hawkings ist abstrus: Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass das Römische Reich einige hundert Jahre lang den Mittelmeer-Raum dominierte. Ein Vergleich des Imperium Romanum mit einem High-Tech-Unternehmen ist schon deshalb Unsinn. Und selbst wenn man sich vergleichbarere Fälle wie Microsoft hernimmt, sieht man, dass ein IT-Unternehmen durchaus mehrere Jahrzehnte lang eine führende Position in der Branche innehaben kann – und der Abstieg keinesfalls historisch unabdingbar ist. Der Abgang einer charismatischen Führungsfigur muss nicht unmittelbar zum Niedergang eines Unternehmens führen. Auch das kann man von Microsoft lernen, obwohl viele Beobachter genau diesen nach dem Rückzug von Bill Gates vor fünf Jahren erwartet haben.

Wie es mit Apple weitergehen wird, hängt viel mehr von den Produkten des Konzerns ab. In den vergangenen 30 Jahren hat Apple mit einer kaum vergleichbaren Innovationskultur die moderne Bedienoberfläche für PCs populär gemacht, die Musikindustrie umgekrempelt, die Smartphones zum Erfolg geführt und den Tablet Computer am Markt etabliert. War es das schon? Bislang sind die Kalifornier nur mit einem Modell auf dem Smartphone-Markt unterwegs. Im Wettstreit mit Android, Blackberry und Windows Phone bleibt da noch viel Spielraum für neue iOS-Produkte. Internet-Dienste wie iCloud stecken noch in den Kinderschuhen und haben unglaubliches Wachstumspotenzial. Apple TV hat bislang nur den Status eines "Hobbys" von Steve Jobs und könnte zu einer vollwertigen IPTV-Strategie ausgebaut werden. In Kombination mit dem großen Interesse der asiatischen Wachstumsmärkte an Produkten mit dem Apfel-Logo könnte man Apple auch als eine Art Startup-Unternehmen beschreiben, das seine beste Zeit noch vor sich hat – auch ohne Steve Jobs. (se)