Bedenkliche Nebenwirkungen

Forscher haben eine ganze Reihe neuer Wirkstoffkandidaten gegen Malaria gefunden. Aber warum ist eigentlich das Malariamittel Lariam, das schwere Nebenwirkungen auslösen kann, immer noch auf dem Markt?

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Der Artikel im Fachjournal Science ließ mich aufhorchen: US-Forscher haben 32 neue Medikamentenkandidaten präsentiert, die sich gut zur Bekämpfung der Tropenkrankheit Malaria eignen könnten. Selbst wenn nur ein Bruchteil dieser Mittel sich als wirklich potent erweist, wäre das eine gute Sache. Laut der Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit jedes Jahr fast eine Million Menschen an Malaria, darunter sehr viele Kinder.

Die Substanzen waren bei einer systematischen Prüfung von 3000 Mitteln aufgefallen, weil sie gegen mindestens 45 der 61 bekannten Erregerstämme wirksam waren. Dabei machten sie auch einigen Vertretern des Parasiten „Plasmodium falsiparum“ den Garaus, die bereits gegen verschiedene Malaria-Medikamente resistent sind. Das Interessante dabei: Die Forscher haben keine neuen Wirkstoffe entwickelt, sondern bereits – für die Behandlung von anderen Krankheiten – zugelassene Substanzen daraufhin untersucht, ob sie nicht auch gegen die Tropenkrankheit wirksam sind.

Und die Forscher hatten eine weitere gute Nachricht: Sie haben auch herausgefunden, dass die Parasiten sich nur mit Hilfe dreier Gene gegen jegliche Medikamente wehren können. Würde man also mehrere Mittel kombinieren, die gegen die Protein-Produkte dieser Gene gerichtet sind, ließe sich die Chance auf eine besonders effektive Therapie deutlich steigern. Noch müssen sich Finalisten in weiteren Tests bewähren und dabei auch zeigen, dass sie keine bedenklichen Nebenwirkungen haben. Aber es ist gut, dass sich bei der Malaria-Bekämpfung wieder etwas tut.

Wahrscheinlich ist mir der Artikel aufgefallen, weil ich gerade für das Thema Malariaprophylaxe sensibilisiert bin. Ich werde im Urlaub in ein Gebiet reisen, in dem ich mich vorsorglich schützen muss, weil die Mücken die Erreger in sich tragen und mich beim Blutsaugen anstecken könnten. Bei der reisemedizinischen Beratung wurden mir drei Alternativen genannt: Lariam, Malarone und das Antibiotikum Doxycyclin. Ich frage mich allerdings, warum Lariam eigentlich immer noch auf dem Markt ist. Der Arzt bei der reisemedizinischen Beratung der Medizinischen Hochschule Hannover ratterte zwar die möglichen Nebenwirkungen herunter – unter anderem psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen –, machte aber keine großen Anstalten, mir dieses Mittel auszureden.

Der große Vorteil von Lariam ist, dass es nicht wie Malarone und Doxycyclin täglich, sondern nur wöchentlich eingenommen werden muss und damit eine ganze Ecke billiger ist. Doch Forscher-Freunde, die öfter in Malaria-Gebiete reisen, haben mich eindrücklich davor gewarnt, dieses Mittel zu wählen. Viele von ihnen würden längst die Finger davon lassen – entweder weil sie Kollegen kennen, die teilweise heftige psychotische Nebenwirkungen wie brutale Alpträume, Halluzinationen und Angstzustände erlebten, die sie vor der Einnahme nicht hatten, oder weil sie selbst sehr unangenehme Erfahrungen gemacht haben.

Es wäre falsch, diese Beispiele als anekdotische Evidenz – also vereinzelte Fallberichte – abzutun. Erstens melden mehrere randomisierte Doppelblindstudien, die als methodisch sauber bewertet wurden, teilweise bei einem Drittel der Probanden solche Nebenwirkungen. Zweitens rät inzwischen auch die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG) – wenn auch auf widersprüchlich klingende Weise – wegen der Nebenwirkungen vom Lariam-Einsatz ab: Kurioserweise wird von der Notfallselbsttherapie abgeraten, nicht von der Prophylaxe. Mich beruhigen auch die Einschränkungen nicht, dass die Nebenwirkungen „nur“ bei einem niedrigen Body-Mass-Index oder bei hohen Dosen auftreten, die bei Last-Minute-Reisen vonnöten sind, und dass häufig nur vorhandene psychotische Erkrankungen verstärkt würden (nach denen ich vom Impfarzt auch nicht gefragt wurde). Wenn klinische Studien mit anderen Wirkstoffen – wie eine Verhütungsspritze für Männer – bereits abgebrochen werden, weil zehn Prozent der Probanden als Nebenwirkungen Depressionen entwickelte, warum schrillen dann bei 30 Prozent nicht längst die Alarmglocken bei den Zulassungsbehörden? Schon zehn Prozent wären zu viel.

(vsz)