Viertes Haustier
- Thorsten Leemhuis
Viertes Haustier
Überzogene Produktbeschreibungen sind nichts Ungewöhnliches. Die Hersteller von Staubsaugerrobotern hängen sich aber richtig weit aus dem Fenster: Die kleinen fahrenden Untertassen seien intelligent und fänden stets wieder zu ihrer Basis zurück. Natürlich versprechen sie auch, gründlich sauber zu machen - selbst Tierhaare seien kein Problem (siehe c't 18/11, Seite 132).
Mein kleiner Robi scheint diese Maximen in der Fabrik nicht ausreichend verinnerlicht zu haben. Wenn er durch den Raum fährt, erinnert das an ein Kleinkind im Kindergarten. Manchmal dreht er sich ein Weilchen im Kreis, die meiste Zeit aber düst er mit unerschöpflicher Geduld kreuz und quer umher, ohne dass ein Muster erkennbar wäre.
Geht dadurch der Akku zur Neige, macht Robi sich zur Basisstation auf. Da er die allerdings nur aus anderthalb Metern Entfernung erkennt, geht er in der knapp 80 Quadratmeter groĂźen Dreizimmerwohnung erst mal auf Erkundungsfahrt. Manchmal sogar erfolgreich.
Mitunter scheitert Robi aber schon mitten in der Arbeit, weil er sich an Einrichtungsgegenständen festfährt. Sein Intimfeind heißt Poäng, ein Sessel mit einem knapp einen Zentimeter hohen, U-förmigen Holzfuß - auf dem finde ich ihn dann wie einen Fisch auf dem Trockenen.
Vor allem überfordern Robi aber die Hinterlassenschaften der drei Hauptbewohner. Linus, Lucy und Ginger sind europäische Kurzhaarkatzen; sie gaben für die Anschaffung eines Putzroboters den Ausschlag. Robi befördert zwar viele ihrer nicht ganz so kurzen Haare in seinen Sammelbehälter, wickelt aber auch etliche um seine Bürstenachsen.
Ist kollektiver Fellwechsel angesagt, wehen Katzenhaar-Tumbleweeds durch die Wohnung. Gerät Robi zu viel Fell um die Bürsten, bleibt er aus Sicherheitsgründen stehen. Unter derartigen Wildwestverhältnissen wirft der Staubsaugerroboter fast täglich das Handtuch. Nach einem Jahr errangen die Katzen einen Teilsieg: Ihre Haare hatten sich bis in den Bürstenantrieb vorgearbeitet. Komplettausfall.
Seit der darauf erfolgten Notoperation müssen die Katzen Robi wieder erdulden. Weil er mit dem Geräuschpegel eines Küchenmixers durch die Wohnung lärmt, lasse ich ihn nie arbeiten, wenn ich zu Hause bin.
Bei der abendlichen Heimkehr finde ich Robi an vier von fünf Tagen verhungert, gestrandet oder überfressen vor. Dann pflege ich ihn wie ein viertes Haustier: Erst leere ich den Auffangbehälter, dann drehe ich ihn behutsam auf den Rücken und entferne die Haarbüschel um die Bürstenachsen. Nach dem Zusammenbau trage ich ihn dann liebevoll zu seiner Basis, damit er Kraft für den nächsten Tag tanken kann.
Denn trotz seiner Intelligenz- und Navigationsschwächen hat Robi innerhalb weniger Tage mein Herz erobert. Auch wenn er fast nie die ganze Wohnung bewältigt - er stellt eine Grundsauberkeit sicher. Daher muss auch die nächste Bude allen vier Haustieren gerecht werden. Selbst die wundervollste Altbauwohnung kommt daher nicht in Frage, sollte sie Robi unpassierbare Türschwellen in den Weg stellen. (thl)