Forschungstelegramm: Universalwaffe gegen Viren?
An dieser Stelle sollen nicht nur Geschehnisse, Entwicklungen und Trends aus dem gesamten Themenspektrum der Technology Review kommentiert, sondern - ähnlich wie bei den US-Kollegen auch - in loser Folge interessante Forschungsergebnisse kurz vorgestellt werden. Ergebnisse, über die wir zeitnah berichten wollen oder solche, die für sich gesehen noch keinen eigenen, großen Bericht lohnen, die wir aber aus dem einen oder anderen Grund spannend finden.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Breitbandantibiotika töten zahlreiche Bakterienarten ab, wenn diese nicht schon resistent sind, doch gegen Viren gibt es keiner vergleichbaren Universalwaffen. Bestimmte Medikamente wie Tamiflu gegen Grippe erschweren zwar die Virusvermehrung, müssen aber spezifisch auf den Erregertyp zugeschnitten sein. Und sobald das Virus mutiert ist, wie es etwa Grippe- und HI-Viren häufig tun, sind wieder neue Medikamente nötig.
Das könnte sich künftig ändern: Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology haben einen Wirkstoff entwickelt, der – wortwörtlich drakonisch – gegen zahlreiche Virustypen vorgeht. Wie die Forscher um Todd Rider im Fachjournal PLoS One schreiben, bekämpfte ihr Wirkstoff „DRACO“ 15 verschiedene Viren äußerst erfolgreich – vom einfachen Schnupfenvirus über Erreger der Magen-Darm-Grippe bis hin zu den gefährlichen Erregern von bisher kaum behandelbaren hämorrhagischen Fiebern und Dengue-Fieber.
Dafür koppelten die Forscher das Abwehrenzym PKR (Proteinkinase R), das viele Viren bereits umgehen können, mit einem zweiten, radikalen Schutzmolekül namens APAF-1. Dieses wird sonst nur in unrettbar beschädigten Zellen hergestellt und löst den – allen Zellen einprogrammierten – Selbstmordmodus aus. „Damit erwischen wir die Viren mit heruntergelassenen Hosen“, sagte Rider dem Magazin New Scientist. Die Doppelwaffe attackiert die Mikroben in einer empfindlichen Lebensphase, nämlich dann, wenn sie zwar schon in die Wirtszellen eingedrungen sind, die neuen Viruspartikel aber noch nicht fertig zusammengebaut sind. In dieser Phase schwirren in den Wirtszellen kurze, doppelstrangige RNA-Stücke mit einer charakteristischen Länge herum, die nur von den Viren produziert werden. PKR erkennt sie und sein Partner APAF-1 löst das Selbstmordprogramm aus.
So werden nur Zellen getroffen, die bereits befallen sind, gesunde Zellen bleiben verschont. In Tierversuchen heilten die Forscher Mäuse, die eine sonst tödliche Dosis an Schweinegrippe-Viren verabreicht bekommen hatten, vollständig von der Krankheit. Bei schweren Erkrankungen wie einer fortgeschrittenen, durch Viren ausgelösten Leberentzündung, könnte DRACO aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr helfen. Ist nämlich schon ein Großteil der Leberzellen befallen, wäre das Ergebnis Organversagen. Doch würde es in einer frühen Phase der Erkrankung verabreicht, könnte es die große Viren-Invasion im Körper im Keim rechtzeitig ersticken. Die Forscher hoffen, mit DRACO auch Wirkstoff-resistente Virenstämme, etwa HIV, wirksam bekämpfen zu können. (vsz)