Der große Hoffnungslooping
Es gibt ein umfassendes, neues Gefühl: Es heißt Onlinesein. Und: Es gibt ein Internet für Katzen.
- Peter Glaser
Es gibt ein umfassendes, neues Gefühl: Es heißt Onlinesein. Und: Es gibt ein Internet für Katzen.
Ich kenne das Netz noch aus einer Zeit, als E-Mail-Adressen und Befehlseingaben aussahen als habe man ein eingerolltes Gürteltier über die Tastatur gewälzt und finde es angenehm, dass inzwischen vieles ein bisschen einfacher und flotter geworden ist.
Manches wird einem zu leicht gemacht, etwa das briefmarkenhafte Einsammeln von Bekanntschaften, die dann auf Facebook gleich alle "Freunde" heißen, obwohl ich sie gar nicht kenne. Oder das Einkaufen. Oh, schon wieder ein Buch zum zweiten Mal gekauft, weil ich vergessen habe, es von meinem Wunschzettel zu löschen. Also erkläre ich meiner Frau, dass es mir nicht um das Buch geht, sondern um den Karton, denn unsere Katzen lieben Kartons, und Bücherkartons bringen ihnen den Duft der weiten Welt ins Haus. Die reisenden Pappkartons sind quasi das Internet für Katzen. – Oder ein Freund, der schreibt: "Ich zum Beispiel denke, Schuhladen ist mir zu umständlich, gehst du mal zu Zalando. Mit dem Resultat, dass ich drei Stunden über 750 verschiedenen Turnschuhen brüte."
Je kompakter und intelligenter jemand heute Information aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. So wie die kurzen Statuszeilen in den sozialen Netzen, lädt vieles im Internet dazu ein, seine Botschaft auf den Punkt zu bringen. Twitter etwa ist die erste Zeitung, die nur aus einem Inhaltsverzeichnis besteht. Die Generation, die nun mit dem Internet aufwächst, lebt nicht mehr mit dem Netz, sie lebt im Netz. Das Internet entwickelt sich immer mehr zu einer Umweltbedingung; zu etwas, das immer und überall da ist.
Diese neuartige Technosphäre nur als Nachrichten-Umschlagplatz oder digitales Gewerbegebiet zu betrachten, greift zu kurz. Es sind nicht einfach nur weitere Kanäle im Orchester der neuen und neuesten Medien. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – inwischen leben wir in unseren Medien, auf Google+, Facebook, Twitter, in Foren und Blogs. Es sind Pendants zu Straßencafes, Wohngemeinschaften und Clubs. Im Stream sozialer Netze fährt ein Allerlei aus kurzen Mitteilungen, Fragen, Ideen, Fotos, Filmen und Links auf Allesmögliche an einem vorbei. Gelegentlich schwanke ich, ob es sich dabei um einen fantastischen fahrbaren Flohmarkt handelt oder um die virtuelle Version des Förderbands in einer Müllsortieranlage.
Beim Fernsehen gibt es eine Art Hoffnungslooping, wenn man sich einmal im Kreis durch alle verfügbaren Programme zappt, immer in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch irgend etwas einigermaßen Erträgliches kommt, um am Ende wieder von vorn anzufangen. Mit dem Web ist aus diesem Looping eine Unendlichkeit geworden, jeder Klick öffnet einen neuen Kanal, ein neues Programm, eine neue Hoffnung auf etwas Wunderbares oder Nützliches, zumindest aber auf ein gutes Gefühl. Dieses Gefühl heißt Onlinesein. Wenn's einem dabei richtig gut geht, ist man klicklich.
Es ist – wie sollte es auch anders sein in einem Verbindungsgeflecht, in dem man fast nicht anders kann, als Dinge mit anderen zu teilen – ein Gemeinschaftsgefühl. Und es ist aber auch ein Gefühl, das jedem alleine gehört, ein Lebensgefühl. Denn es geht nicht nur um die Themen, Bilder, Sounds, Algorithmen, die das Netz bereithält. Es geht auch darum, dass es sich einfach gut anfühlen kann, vor einem Bildschirm mit seiner Anmutung zwischen Hausaltar, Cockpit und persönlichem War Room zu sitzen und ab und zu ein Progrämmchen anzuwerfen und damit durchs Netz zu brettern oder sonstwas zu tun, ohne groß Aufhebens darum zu machen. (bsc)