Gamescom: Onlinespiele für jeden Geschmack

MMOs haben nicht wie vielfach vorhergesagt die klassischen serverfreien Spiele verdrängt, sondern einen davon unabhängigen eigenen großen Markt gebildet. Die Bandbreite ist dabei größer denn je und reicht vom Autorennen bis zum Strategie-Epos.

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Von
  • Nico Nowarra

End of Nations: Auf der Gamescom diente eine etwa 4 Meter hohe Infanterieeinheit, in die Besucher sich hineinsetzen konnten, als Blickfang.

Servergebundene Spiele versprachen zur Boomzeit, als Blizzard mit World of Warcraft Spielermassen zu begeistern begann, sichere Geschäfte und galten vielen gar als einzige Zukunft des Computerspiels. In den letzten Jahren haben sich die Einschätzungen beruhigt; längst nicht jedes "MMO" (Onlinespiel für viele Teilnehmer) wurde zum Erfolg. Das immer noch überreichliche Angebot an neuen Online-Multiplayer-Epen, das sich auch bei den Präsentationen der diesjährigen Gamescom wieder manifestierte, hat sich allerdings stark verzweigt: Während zunächst vor allem Fantasy-Rollenspiele vertreten waren, spielte man bald auch in Science-Fiction-Welten oder in Superhelden-Metropolen. Heute liefert fast jedes Spielegenre vom martialischen Shooter bis hin zur Echtzeitstrategie servergebundene Abonnement- oder Free-to-Play-Titel. Dabei fragen sich Beobachter häufig, warum dieses oder jenes Spiel unbedingt "MMO" sein muss, wenn es doch bevorzugt Solospieler anspricht, die hauptsächlich oder ausschließlich gegen computergesteuerte Monster, also Nicht-Spieler-Figuren (NPCs), antreten.

Sechs Beispiele können die heutige Bandbreite illustrieren: ein ambitioniertes Echtzeitstrategie-Projekt, zwei neue Online-Ableger der wichtigsten Science-Fiction-Universen der Hollywood-Filmwelt, ein Thriller-Abenteuer mit spannenden Spionagemissionen, ein temporeicher Shooter und ein Sci-Fi-Rollenspiel mit ungewöhnlich vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten.

End of Nations: Echtzeit-Strategie auf dem Server

End of Nations vom Onlinespiele-Spezialisten Trion Worlds bedient die Freunde von Echtzeit-Strategiespielen. Es soll nach einer verhältnismäßig kurzen Betaphase noch Ende 2011 oder Anfang 2012 starten und nach einem Mischkonzept vermarktet werden: In den Regalen des Handels wird eine Sammler-Edition stehen; darüber hinaus will man gleichzeitig ein Premium-Abo-Modell und den Free-to-Play-Betrieb mit Item-Shop im Spiel sowie Prepaid-Karten für "Trion Credits" anbieten. Die kostenpflichtigen Optionen werden den Entwicklern zufolge für Erfolg im Spiel nicht notwendig sein, sondern Spielern vorrangig Komfortoptionen, virtuelle Bedarfsgegenstände und Individualisierungsmöglichkeiten verschaffen. Alle Solo- und Koop-Missionen sollen kostenlos zugänglich sein; eine zeitliche oder leveltechnische Begrenzung soll es nicht geben.

Visuell und spieltechnisch braucht sich "End of Nations" nicht vor bekannten Genrevertretern, etwa der "Command & Conquer"-Serie von Electronic Arts, zu verstecken. Bis zu 50 Spieler können gemeinsam agieren. Die Schlachtfelder sind auf einer Erde der nahen Zukunft angesiedelt. Avatare und Kampfeinheiten sind vielfältig konfigurierbar; errungene Erfahrungspunkte lassen sich rollenspielähnlich in neue Fähigkeiten investieren.

Fans des "Krieg der Sterne"-Universums warten bereits ungeduldig auf den Start von Star Wars – The Old Republic (SW:TOR). Der als Client-gestütztes Rollenspiel ausgelegte Titel soll im Herbst 2011 in die Betaphase gehen und noch im laufenden Jahr erscheinen.

Star Wars - the Old Republic: Kopfgeldjäger, Jedi und Imperiumssoldaten geben sich ein explosives Stelldichein.

Lange vor der Zeit von Darth Vader, Luke Skywalker und Obi-Wan Kenobi wird der Spieler zum Teil eines Krieges zwischen dem Imperium der Sith und der alten Jedi-Republik. Neben einer starken individuellen Kampagne für jede Berufsklasse im Spiel gibt es auch "Player vs. Player"-Kämpfe (PvP), in denen Spieler sich gegeneinander austoben und damit Punkte für ihre jeweilige Fraktion ergattern können. Wer alle Missionen im Spiel erledigt hat, kann sich aufmachen, um gemeinsam mit anderen Spielern Flashpoints durchzustehen, spezielle Aufträge, die nur mit einer großen und kampfstarken Gruppe erfolgreich absolviert werden können.

The Secret World: Geheimbünde ringen miteinander um die Macht über die Welt

Spieler mit einer Schwäche fürs Außergewöhnliche werden den Online-Spionagethriller The Secret World von Electronic Arts interessant finden. Die Grundfiktion des Spiels ist ausgesprochen simpel. Drei Geheimbünde ziehen seit langer Zeit die Fäden auf der Welt: die vorwärtsstrebenden und machthungrigen Illuminaten, die eher konservativen Templer und die schwer durchschaubaren Freigeister des Drachenbundes. Allen gemeinsam ist der Kampf gegen die Mächte der Finsternis, allerdings sind ihre Motive sehr unterschiedlich und sie rivalisieren um die Vorherrschaft. Die wiederum hängt damit zusammen, wer bestimmte Orte mystischer Macht kontrolliert. In diesem Spiel ist so ziemlich jede Verschwörungstheorie, die man aus mehr oder minder obskuren Internet-Foren kennt, wahr.

Die Schauplätze sind rund um den Globus verteilt und sehr aufwendig gestaltet. So lassen sich etwa Seoul, New York City und London, die Hauptquartiere der drei Fraktionen, gut wiedererkennen. Spieler kämpfen einerseits gegen Ungeheuer verschiedenster Form und Größe, andererseits auch um Machtzentren wie Stonehenge und El Dorado. Diese geben der Fraktion, die sie beherrscht, Energie und verleihen ihnen darüber hinaus charakteristische Vorteile.

Das faszinierende Spiel kommt ohne die üblichen Rollenspielklassen aus. Der Spieler wählt sich Fähigkeiten nach seinem Geschmack und stattet seine Figur anschließend mit der passenden Ausrüstung aus. Welche Funktionen er während eines Abenteuers ausfüllen kann, wird allein durch diese beiden Faktoren bestimmt.

Das wenige Material, das es zu Defiance bislang zu sehen gab, macht Lust auf die offene Spielwelt.

In einer fernen Zukunft ist der Online-Shooter Defiance von Trion Worlds angesiedelt. Nach einer Invasion von Angreifern aus dem All hat sich das Aussehen der Erde kräftig verändert. Die Außerirdischen haben damit begonnen, den Heimatplaneten der Menschen an ihre eigenen fremdartigen Bedürfnisse anzupassen. Die ursprünglichen Bewohner des blauen Planeten haben ihren Widerstand jedoch noch nicht aufgegeben und so kommt es immer wieder zu Gefechten, die mit zahlreichen futuristischen Waffen ausgetragen werden. Das Besondere dabei: Statt die Bequemlichkeit einer Zielautomatik zu genießen, muss der Spieler wie bei einem klassischen First-Person-Shooter selbst zielen. Die Kämpfe sind sehr temporeich; immer wieder kommt es zu spektakulären Explosionen.

Defiance soll zudem mit einer Fernsehserie korrespondieren, die der Fernsehkanal SyFy weltweit ausstrahlen will. Dieser lässt sich über verschiedene Anbieter auch in Deutschland empfangen. Die Serie spielt vor demselben Hintergrund wie das Online-Rollenspiel, lediglich an einem anderen Schauplatz auf der Erde. Handlungsstränge, Hinweise und Personen werden auf verschiedene Weise das Spiel und die Serie, die beide 2012 starten sollen, miteinander verbinden. Defiance wird für Windows-PCs, Xbox 360 und PS3 gleichzeitig entwickelt, erlaubt aber leider wie üblich kein plattformübergreifendes Spielen.

Wildstar: servergebundenes Science-Fiction-Rollenspiel mit ungewöhnlichen Motiven

Mit dem erklärten Ziel, etwas Neuartiges im Onlinerollenspiel-Segment anbieten zu wollen, sind der Publisher NCsoft und das Carbine-Entwicklerteam bei Wildstar angetreten. Auch sie erzählen eine Science-Fiction-Geschichte: Auf einem fernen Planeten stoßen die Menschen auf die Überreste einer beeindruckenden Alien-Zivilisation, der Eldan. Diesen waren Meister der Technologie und Magie, aber nun sind sie verschwunden. Ohne ihre Aufsicht sorgen ihre gewaltigen technischen Erzeugnisse allerdings sehr bald für gefährliches Chaos. Es entstehen neuartige Wesen, die aggressiv und wild sind. Ein Wettlauf zwischen verschiedenen Gruppierungen beginnt, die sich einerseits die mächtige Technik unter den Nagel reißen wollen und andererseits ums nackte Überleben kämpfen.

Der Spieler legt zu Beginn nicht nur fest, welchen Beruf seine Figur ausübt, sondern er entscheidet sich darüber hinaus auch noch für einen Spielstil. Wer gern verlassene Gewölbe entdeckt oder Geheimnisse aufspürt, wählt den Pfad des Kundschafters. Streitlustige Naturen machen sich auf den Weg des Kriegers und wer vor allem Wert auf soziale Interaktion legt, ist als Siedler auf der richtigen Spur. Für Sammler von Auszeichnungen und Liebhaber obskuren Wissens ist der Pfad des Forschers die beste Wahl. Diese Entscheidung beeinflusst das gesamte weitere Spielgeschehen. Natürlich kann jeder Spieler kämpfen, aber keiner wird dazu so oft Gelegenheit haben wie ein Soldat. Und jeder kann Berge erklimmen, doch nur der Kundschafter schafft das in Rekordzeit und findet dabei trotzdem noch den idealen Standort für einen Wachtturm.

Solche Herausforderungen bekommt der Spieler des öfteren präsentiert. Er muss sie zwar nicht annehmen, aber sie bereichern sein Spielerlebnis enorm. Darüber hinaus bietet Wildstar auch klassische Missionen an. Je nach Situation können diese allerdings durch zusätzliche Herausforderungen erheblich an Komplexität gewinnen. Bis man das neue Konzept ausprobieren kann, wird noch einige Zeit vergehen: Es ist bislang noch kein konkreter Erscheinungstermin für das Spiel angepeilt.

Star Trek - Infinite Space: Raumschlachten im Browser

Auf die immer noch starke Fangemeinde des Star-Trek-Universums setzt Gameforge mit Star Trek – Infinite Space. Als Mitglied der Sternenflotte oder Offizier der Klingonen kann der Spieler sein eigenes Raumschiff befehligen. Der Hintergrund orientiert sich an der dritten bis sechsten Staffel der Fernsehserie "Deep Space 9" und spielt zur Zeit des Dominion-Krieges.

Damit eingefleischte Star-Trek-Freunde sich zuhause fühlen und die Kontinuität zum Serienkanon gewährleistet ist, haben die Spielentwickler zwei Berater verpflichtet, die an mehreren Star-Trek-Serien und -Kinofilmen mitgearbeitet haben und für die "Star-Trek-Enzyklopädie" verantwortlich sind: Denise und Michael Okuda.

Der Schwerpunkt des Spiels liegt auf den Raumkämpfen, bei denen der Spieler sein taktisches Geschick beweisen muss. Auch Außenmissionen gibt es – sie steuert man über den Kommunikator der Crewmitglieder.

Das Spiel arbeitet mit der Unity-Engine; mit dem dazugehörigen Browser-Plug-in läuft es innerhalb der gängigen Webbrowser wie Firefox, Safari und Chrome. Für ein Free-to-Play-Browserspiel bietet es eine ungewöhnlich prächtige Grafik. Als kostenflichtige Optionen gibt es visuelle Verschönerungen für den Commander oder sein Schiff. Außerdem lässt sich durch Käufe der Weg zu bestimmten mächtigen Waffen- oder Schildsystemen abkürzen, die man sich aber durch hinreichenden Zeiteinsatz auch im Spiel verdienen kann. (psz)