Prozessorgeflüster
Heiße Chips und heiße Entscheidungen kamen dieser Tage aus Palo Alto (hoher Pfahl) in Kalifornien: hier die Pressemeldung von Hewlett Packard, sich von den PCs zu trennen, dort die Ausführungen der Entwickler auf der Hot-Chips-Konferenz an der Stanford University.
- Andreas Stiller
Deutscher Sanierer am Werk: So wie einst „Mr. Turn-around“ Eckard Pfeiffer mit einem knallharten Sanierungsprogramm Compaq aus der Verlustzone brachte und zum größten PC-Hersteller aufbaute – samt Übernahme von Tandem und Digital Equipment –, so will nun zwanzig Jahre später sein Nachfolger Léo Apotheker den Compaq-Aufkäufer Hewlett-Packard für die Aufgaben der Zukunft neu ausrichten.
Lieber ein möglicherweise bald sinkendes PC-Schiff verlassen und stattdessen das Vermögen in Business-Software versenken – so muss man wohl die Entscheidung des HP-Chefs interpretieren, der nun zum Apothekenpreis von 7 Milliarden britischen Pfund das englisch-amerikanische Softwarehaus Autonomy einzukaufen gedenkt, um softwaremäßig besser gegen IBM, Oracle und Co. aufgestellt zu sein.
Triebkräfte
Okay, klassische Datenbanken und dumme Suchmaschinen, das war gestern, und Autonomy bietet moderne Software für Such- und Knowledge-Management, das mit unstrukturierten Anfragen und mit tausend verschiedenen Datenformaten in Text, Audio und Video zurechtkommt.
Doch wer will denn den feilgebotenen Personal-Systems-Bereich kaufen? Samsung, Acer, EMC2, Google, Abu Dhabi? Michael Dell jedenfalls macht sich per Twitter über HPs Entscheidung lustig: „HP …. sie nennen es Trennung, aber es fühlt sich nach Scheidung an“, „… vielleicht werden sie es Compaq nennen“, und derartige Sprüche mehr.
Die treibenden Kräfte der PC-Technik sind ja schon längst nicht mehr die PC-Hersteller, die ihre Geräte zumeist nur von chinesischen Partnern aus Building Blocks fertigen lassen, sondern die Prozessorfirmen Intel und AMD im Verbund mit großen Softwarehäusern wie Microsoft. Und damit das so bleibt, halten Intel und Microsoft jetzt im September ganz zufälligerweise gleichzeitig ihre großen Entwicklerkonferenzen IDF und BUILD ab. Zuvor veranstalten sie noch einen gemeinsamen Rütli-Tag, um sich auf irgendeinem Hügel in San Francisco auf x86 einzuschwören – zwischenzeitlich sah es ja fast so aus, als wenn Windows 8 nur für ARM designt wäre.
Auf der Hot-Chips-Konferenz an der berühmten Stanford University, gerade mal drei Meilen von HPs Hauptsitz in der Hannover-Straße in Palo Alto entfernt, durfte ARM-Urgestein Simon Segars die Keynote halten. Mutig sagte er vorher, dass schon in zwei Jahren die Superphones die Note- und Netbooks überflüssig machen werden: Goldene Zeiten für ARM also – falls es Intel nicht gelingt, hier einen Fuß hineinzubekommen. Tags drauf schossen mal wieder die Spekulationen ins Kraut, Intel könne für das Schnäppchen von 10 Milliarden Pfund den quirligen Konkurrenten einfach wegkaufen. Doch den Analysten rund um die Wall Street ist klar, dass dann nicht nur die EU-Wettbewerbskommission, sondern auch die vergleichsweise großzügige amerikanische FTC auf die Barrikaden gehen würde.
Auf der gleichen Konferenz stellte AMD den heiß erwarteten Bulldozer-Chip detaillierter vor, in allen seinen 11 Metall-Lagen. So lernte man, dass der Chip mit acht Kernen beziehungsweise vier Modulen insgesamt 315 mm2 groß ist und dass der „Contacted Gate Pitch“ – der Abstand zwischen den äußeren Transistoranschlüssen – für die unteren drei Metall-Layer nur 104 nm beträgt. Zum Vergleich: Intels Sandy Bridge benötigt für vier Kerne und GPU 216 mm2, kommt im aktuellen 32-nm-Prozess (P1268) mit zwei Layern weniger aus, besitzt aber einen etwas größeren Pitch bei den kritischen Layern von 112,5 nm. So verwundert es nicht, dass Intels Chips etwas mehr Platz pro Transistor benötigen.
Die derzeit vielleicht wichtigere Frage, wann der Bulldozer denn nun auf der Bühne erscheint, blieb jedoch unbeantwortet – offiziell jedenfalls. Es sieht so aus, dass man allen Videoclipspäßen zum Trotz wohl doch erst ab Mitte Oktober mit ihm wird rechnen können – dann aber vielleicht schon im C0-Stepping.
Intel hielt sich mit Informationen zu den nächsten Prozessorversionen auffallend zurück: also nichts Neues zu Sandy Bridge E/EP oder gar zum Nachfolger Ivy Bridge. Man erhielt lediglich tiefere Einblicke in das Power Management und den Turbo Boost 2.0 der aktuellen Generation. Durchaus Interessantes gab Intel aber für den für 2012 geplanten Itanium-Prozessor Poulson zum Besten, der mit seinen 8 Kernen und 3,1 Milliarden Transistoren pro Kern weniger Transistoren aufweisen wird als der aktuelle Itanium-Tukwila. Mit der Instruction Replay Technology (IRT) kann Poulson im Fehlerfall Befehle widerrufen und erneut ausführen. Zudem beherrscht er „Dual Domain Multithreading“: Frontend (Befehle holen und dekodieren) und Backend (ausführen und Ergebnisse zurückschreiben) können unabhängig voneinander „threaden“. Das klingt gar nicht so schlecht und vielleicht ist der Chip ja doch so gut, dass HP jetzt bereits im Vorfeld sein Geschäftsmodell dafür umstrukturiert. Die Autonomy-Software gibts jedenfalls auch für HP-UX-Itanium.
Schmaler, aber höher
Die Firma Oracle will in dem Bereich ebenfalls mitspielen – zwar nicht mehr mit Software für den Itanium, aber mit SPARC-Hardware. Die ehemaligen Sun-Entwickler mussten hierzu die Niagara-3-Prozessoren erheblich „entkernen“, um den Bedürfnissen der Oracle-Software besser Rechnung zu tragen. Statt wie anderswo immer mehr Kerne, macht’s Oracle nun, wie von Larry Ellison vor einem Dreivierteljahr angekündigt, genau andersherum: Der für Ende 2011 erwartete T4 (Yosemite Falls) hat nur noch 8 statt 16 Kerne, dafür leistungsfähigere mit nahezu doppelt so hohem Takt, lokalen L2-Caches, Out of-Order Execution und zweifacher Skalarität. Damit „explodiert“ zumindest die Single-Thread-Performance der kommenden Wasserfälle. Oracle führt zum Beweis relative Ergebnisse beim SPEC-CPU2006-Benchmark an, bei denen die Performance der Integer-Suite um Faktor fünf und die der Gleitkomma-Suite gar um Faktor sieben gegenüber dem Vorgänger T3 zunimmt. Hierbei könnte allerdings eine mögliche Autoparallelisierung der Compiler die Ergebnisse reichlich verfremdet haben.
SPECrate-Werte für mehrere Threads gibt Oracle merkwürdigerweise überhaupt nicht kund und nur die wurden bislang von Oracle/Sun/Fujitsu für wichtig erachtet und veröffentlicht. Beim Transaktions-Benchmark TPC-C jedenfalls liegt der neue Achtkerner nur sehr knapp vor dem alten T3-16-Kerner. Da muss er schon deutlich Energie sparen, wenn er sich empfehlen will. (as)