Form, Funktion und Digitalfotografie
Die Welt der Fotografie wurde dank der Digitalisierung mittlerweile revolutioniert. Dennoch sehen die Kameras immer noch so ähnlich aus wie vor Jahrzehnten.
- Martin Kölling
Die Welt der Fotografie wurde dank der Digitalisierung mittlerweile revolutioniert. Dennoch sehen die Kameras immer noch so ähnlich aus wie vor Jahrzehnten.
In der vergangenen Woche habe ich mit mehreren Profi-News- und Feature-Fotografen über die Kamera ihrer Wahl gesprochen. Die Antwort war recht überraschend: Sie schleichen immer wieder an Leicas digitaler Sucherkamera M9 vorbei, obwohl die so viele "keine" hat: keinen Autofokus, kein Video, keinen großen, hochauflösenden Bildschirm, keinen Touchscreen, kein Live-View, keine starken Teleobjektive, keine schnellen Serienaufnahmen und außer einer Zeitautomatik keine Programme. Dafür hat sie ein unschönes "mehr": mehr Bildrauschen bei höheren Iso-Zahlen als moderne Systemkameras.
Und ich dachte mir: Warum kommen dennoch Nutzer, die ihr Geld mit sĂĽndhaft teuren SpiegelreflexausrĂĽstungen verdienen, immer wieder auf eine Kamera zurĂĽck, die aussieht wie ein rund 60 Jahre alter Archetypus der Fotografie, die Leica M3 von 1953? Warum gibt es mit der neuen Digitaltechnik keinen radikalen Bruch mit der tradierten Formensprache? Und wie wirkt sich das Fotografieren mit einer Retro-Leica, einer Spiegelreflex oder den neuen sucherlosen Kameras mit Touchscreen-Bedienung auf die Seh- und Fotogewohnheiten aus?
Beginnen wir mit der zweiten Frage: Die Rückkehr zur gewohnten Form ist schon frappierend. Dabei gab es immer wieder Versuche, das Design neu zu erfinden. Sony gehört bis heute zu den verspielteren Herstellern. Die Mavica FD-5 von 1997 (hier eine Bedienungsanleitung) brachte ein quadratisches Gerät ohne herausragendes Objektiv auf den Markt wie es heute einige Kompaktknipsen und vor allem die wetter- und wasserfesten Kleinstkameras und Smartphones haben. Sie war technisch auf der Höhe ihrer Zeit: Der Sensor bannte je nach Kompression 15 bis 40 Miniaturen mit 0,3 Megapixeln auf das Speichermedium, eine formschöne 3,5-Zoll-Diskette. Nachfolger wie die Sony DSC-F55 hatte sogar ein schwenkbares Objektiv. Doch die fielen später den immer größeren und schwenkbaren Displays zum Opfer.
Später tat sich der inzwischen von Panasonic geschluckte Elektronikkonzern Sanyo mit seiner Foto-Video-Kombi Xacti mit Revolvergriff hervor. Dieses System leidet allerdings daran, dass die Kamera mit dem Daumen ausgelöst werden will, was meiner Erfahrung nach leichter zu Verwacklungen führt. Casio ist ein weiteres Unternehmen, das mangels Markenstärke auf flippiges Design setzt. Die Exilim Tryx von Anfang 2011 ist das jüngste Beispiel. Sie besteht aus einem 3-Zoll-Touchscreen, der in einem Rahmen untergebracht ist. Im Rahmen kann man sie ähnlich wie eine Fotokamera bedienen, ausgeklappt entweder wie eine Videokamera halten, in die Brusttasche klemmen oder auf den Tisch stellen. Netter Versuch, aber meiner Erfahrung nach nervt die Umsetzung sowohl beim Fotografieren wie beim Filmen (vor allem stört der Bildschirm als Menü, weil er ruckelt, träge ist und ungenau auf Berührungen reagiert – und das in Zeiten guter Smartphones).
Die meisten anderen "Neuheiten" sehen eher alt aus: Panasonics Lumix G-Serie wie Spiegelreflexkameras, die GF-Serie wie Sucherkameras, die Pen von Olympus wie die alte Pen von Olympus, die Fujifilm Finepix X100 wie eine alte Sucherkamera. Selbst Sonys ausgefallene Nex ist im Kern der alten Formensprache treu geblieben: Ein Kamerakörper wie ein Riegel, draufgesetzt das Objektiv. Und ausgelöst wird meist mit dem Druck des Zeigefingers auf den Auslöser. Ergonomie ist ein Grund für den Fortbestand des Alten – ich denke, wegen seiner bedientechnischen Vielfalt. So lassen sich die Kameras nicht nur mit einer Hand halten, sondern bieten – besonders wichtig für längere Objektive oder Verschlusszeiten – Platz genug für zwei Hände und damit für eine stabile Handhabung.
Interessanterweise hat sich das Fotografieren durch die Digitalfotografie schon sehr stark verändert. Die Welten klaffen meiner Ansicht nach sogar immer weiter auseinander. Die neuen sucherlosen Kameras trennen ähnlich wie die zweiäugige Rolleiflex oder Mittel- und Großformatkameras, bei denen man das Bild auf einer Mattscheibe sieht, das Auge und das Bild und damit den Menschen aus der Szene. Als Fotograf muss ich bei normalen Aufnahmen immer meinen Fokus zwischen der Umgebung/dem Motiv und dem "Rahmen" wechseln. Noch stärker wird die Trennung durch ausklappbare Touchscreens wie bei der Lumix GH2 oder G3, die das Auslösen durch Fingertippen aufs Motiv erlauben. Das eröffnet natürlich ganz neue Perspektiven: Frosch- und Vogelsicht, um die Ecke fotografieren. Gleichzeitig bin ich als Fotograf weniger "im Bild".
Spiegelreflex- und Sucherkameras hingegen sind für mich wie ein Auge. Mit ihnen fühle ich mich als Fotograf viel stärker im Bild und meine auch, viel schneller reagieren zu können. Denn die Kamera ist wie verwachsen mit dem Kopf und blickt prompt dahin, wohin auch ich blicke, während bei den sucherlosen Kameras die Auge-Hand-Koordination aufwändiger und im Zweifel ungenauer ist.
Allerdings gibt es zwischen den Spiegelreflex-ähnlichen Kameras und den Sucherkameras wie Leicas M9 einen großen Unterschied: Die Spiegelreflexkameras oder Systemkameras mit elektronischem Sucher stellen zwar relativ bis ganz genau das Foto dar und erleichtern so das Komponieren des Bildes. Aber sie wirken wie Scheuklappen und blenden die Welt jenseits des Suchers aus. Elektronische Sucher sorgen zudem durch die technisch bedingte zeitliche Verzögerung der Bildwiedergabe, die bei der Umwandlung von Licht in elektronische Signale und wieder zurück in Licht erfolgt, dafür, dass man viel stärker als bei optischen Suchern die Vergangenheit aufnimmt. Bei Bewegungen hinkt das Bild im Sucher (oder auf dem Display) wahrnehmbar hinter dem Motiv hinterher.
Hingegen lässt Leicas optischer Sucher den Fotografen auch die Szene außerhalb des jeweiligen Bildrahmens, die je nach Brennweite in den Sucher eingespiegelt wird, sehen (so man nicht zu Weitwinkeln unter 28 Millimetern Brennweite greift, die mehr Welt einfangen können als der Sucher). Als Fotograf fühlen sich meine Kollegen wie auch ich bei einem kurzen Test dadurch viel stärker als ein Teil der Szene, die sie fotografieren, als mit jedem anderen Kameratypen.
Dass die Kamera leichter und vor allem kleiner als professionelle Spiegelreflexungetüme ist und damit auf weniger Ablehnung bei Passanten stößt, erhöht den Reiz noch. Dass meine Freunde dennoch mit der Anschaffung zögern, hat zwei gute Gründe: Erstens ist Leica teuer. Zweitens kann eine M9 wegen ihrer Beschränkungen in vielen professionellen Anwendungen die Spiegelreflexkameras schlicht nicht ersetzen. Fotografen wollen sie für unterwegs, für Straßenfotografie. Damit kommen wir zur vielleicht größten Veränderung durch die Digitalfotografie: Der Trend zur Zweit- oder Drittkamera nimmt besonders bei ambitionierten Fotografen zu. (bsc)