Agile 2011
Mit der Agile 2011 fand einmal mehr die weltweit größte Konferenz zum Thema Agilität statt. Neben regulären Sessions und Pecha-Kucha-Vorträgen gab es auch ein Wiedersehen mit den Autoren des Agilen Manifests.
- Jutta Eckstein
Mit der Agile 2011 fand einmal mehr die weltweit größte Konferenz zum Thema Agilität statt. Neben regulären Sessions und Pecha-Kucha-Vorträgen gab es auch ein Wiedersehen mit den Autoren des Agilen Manifests.
Die Agile 2011 in Nordamerika hat wieder einmal den Nachweis erbracht, dass sie weltweit die größte Konferenz auf dem Gebiet der Agilität ist. Sie fand dieses Jahr in Salt Lake City vom 8. bis 12. August statt. Die Eckdaten sind gerade für eine nicht-kommerzielle Konferenz absolut beeindruckend: So fanden über 1.600 Teilnehmer aus 43 unterschiedlichen Ländern den Weg auf die Konferenz, 968 Einreichungen erhielt die Agile 2011, diese wurden mit 2.908 Reviews begutachtet und letztendlich wurde das Programm mit 268 Sessions gestaltet. Und das ist nur der offizielle, sprich eingeplante Teil, nebenbei fanden noch unzählige Vorträge im OpenJam-Bereich statt (der Open-Space-Variante der Agile-Konferenz). Dort gab es nicht nur spontan anberaumte (reguläre) Sessions, sondern auch ad hoc Pecha-Kucha-Vorträge, eine spezielle Ecke, in welcher man von einem Coach Unterstützung erhalten konnte, eine Parkbank, auf der man sich mit einem der Autoren des Agilen Manifests austauschen konnte und vieles mehr. Damit wird im Prinzip auch schon der Hauptnachteil der Konferenz deutlich: Die schiere Anzahl an Teilnehmern und Veranstaltungen erschwert es zunehmend, das eigene Netzwerk zu pflegen und sich zufällig mit anderen Teilnehmern zu treffen. Aber das ist wohl der Preis des Erfolgs.
Die Möglichkeit für die Teilnehmer, sich während der Konferenz an der Durchführung eines agilen sozialen Projekts zu beteiligen, gehört inzwischen zur Tradition. Für das Hilfsprogramm Mano-a-Mano wurde über fünf Konferenzjahre hinweg ein Portal und so manches darum herum entwickelt. Die Teilnehmer lernen dabei nicht nur am konkreten Projekt agile Methoden einzusetzen, sondern unterstützen mit ihrer Arbeit auch das Programm zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung in Bolivien.
Die Hauptattraktion der diesjährigen Konferenz war ohne Zweifel zum Anlass des 10-jährigen Jubiläums (siehe dazu auch: Agiles Manifest – zehn Jahre später, auf heise Developer) die Wiedervereinigung der Autoren des Agilen Manifests. Bis auf zwei (Kent Beck, und Dave Thomas) erschienen tatsächlich alle restlichen 15 Autoren. Lustig war natürlich ihren Erinnerungen zu lauschen, wie das Manifest entstand. Wirklich interessant wurde es, als es mehr darum ging, was sie heute anders machen würden. Ward Cunningham witzelte (oder auch nicht), dass der größte Fehler die Wahl des Fonts für die Webseite war. Und alle waren sich einig, dass es vor allem einer Ergänzung bedarf, nämlich des Satzes: "Yes, we mean it!". Dies unterstützte auch die Aussage von Jim Highsmith, der seiner größten Enttäuschung Ausdruck gab, dass jeder zwar agil sein, aber niemand die Agilität Leben wollte – à la "wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“.
Barbara Fredrickson, Professorin für Psychologie an der Universität in North Carolina gab mit ihrer Eröffnungskeynote über "Warum wir positive Emotionen ernst nehmen sollen" den Ton für die ganze Konferenz vor. Sie hatte mit ihrem Team erforscht, dass positive Emotionen einen positiven Einfluss unter anderem auf die Aufnahme- und Erinnerungsfähigkeit unseres Gehirns haben, dass wir durch diesen Einfluss toleranter sind, besser im Team arbeiten, kreativer und auch leistungsfähiger sind. Wobei sie klarstellte, dass das im Servicebereich häufig eingeforderte Dauerlächeln eher kontraproduktiv sei, und es vielmehr darum ginge, eine positive Grundhaltung zu entwickeln. Zu dieser Grundhaltung gehöre, dass man offen, neugierig, hoffnungsfroh, respektvoll und realistisch sei. Einen ganz konkreten Tipp gab sie aber auch: Wann immer man Plus-/Minuslisten aufmache (zum Beispiel in Retrospektiven), solle man darauf achten, dass jedem Minuspunkt mindestens drei Pluspunkte entgegen stehen. Gerade in unserer extrem kritischen deutschen Kultur dürfte das die wahre Herausforderung sein, die es natürlich wert ist, angegangen zu werden! Diese Keynote hatte einen durchgreifenden Einfluss auf nahezu alle folgenden Veranstaltungen. Immer wieder wurde hinterfragt (oder je nachdem auch betont), inwiefern dieses oder jenes Verhalten förderlich oder auch hinderlich für positive Emotionen sei. Aber das ist ja auch der Sinn solch einer horizonterweiternden Eröffnungskeynote.
Jim Highsmith nahm in seinem Vortrag zu "Adaptive Leadership: Accelerating Enterprise Agility" nochmals den Faden von der Agile-Manifesto-Wiedervereinigung auf und schilderte, dass er häufig erlebe, dass zwar oft agile Praktiken und Prozesse eingesetzt werden würden, jedoch der viel wichtigere Bereich der Werte und Prinzipien übersehen würde. Genau dieser sei aber essentiell für die Umsetzung von Agilität auf Unternehmensebene.
Diana Larsen und Ainsley Nies betonten die Wichtigkeit beziehungsweise die Rolle des Lift-Offs (auch: Kick-Off) für alle nachfolgenden Aktivitäten in einem Projekt. Während des Lift-Offs wird der Rahmen für das Projekt festgelegt. Dazu gehört nicht nur die technische Ausrichtung, sondern auch der Ton und der respektvolle (oder auch nicht) Umgang miteinander, die Akzeptanz der verschiedenen Rollen und anderes. Bei Unterlassung eines Lift-Offs dauert Anfangsphase, bis man wirklich produktiv arbeiten kann, laut Diana und Ainsley nicht nur länger, sondern kann sich auch negativ auswirken, da zu viele Unklarheiten, Missverständnisse und Annahmen die erfolgreiche Zusammenarbeit verhindern.
(Bild:Â Jutta Eckstein)
Inzwischen auch schon fast zur Tradition erhoben ist die Diskussionsrunde der Analysten – Thomas Murphy von Gartner, Michael Azoff von Ovum, David West von Forrester und Melinda Balou von IDC debattierten über ihre Einschätzungen der agilen Entwicklung im Markt. Grundsätzlich sind sie der Ansicht, dass Agilität inzwischen ziemlich etabliert ist, und dass sich zukünftig wohl wenig an der agilen Philosophie ändern würde – dafür jedoch mehr an den konkreten Prozessen und Prinzipien. Alle waren sich einig, dass DevOps künftig eine größere Rolle spielen wird und dass die Tools nach wie vor noch nicht wirklich die agile Entwicklung unterstützen und demnach, vor allem im Bereich ALM, ein großer Nachholbedarf bestünde.
Großartig war wie immer die Reception – Essen und Musik sowieso, in diesem Jahr gab es jedoch eine besondere Attraktion: Salt Lake City, als olympischer Stützpunkt, präsentierte Mitglieder des US-amerikanischen Ski-Freestyle-Teams, die mit einer großartigen Trampolinshow aufwarteten. Erstaunlich, was man mit Board oder Skiern an den Füßen nicht alles auf einem Trampolin anstellen kann!
Jutta Eckstein
ist seit vielen Jahren Beraterin und Trainerin im In- und Ausland. Sie verfĂĽgt ĂĽber viel Erfahrung bei der erfolgreichen Umsetzung agiler Prozesse in mittleren bis groĂźen unternehmenskritischen Projekten, wovon auch ihre BĂĽcher "Agile Software Entwicklung im GroĂźen" und "Agile Softwareentwicklung mit verteilten Teams" handeln.
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