Wahl im Web: Auf Stimmenfang im Internet
Videos, Facebook, Twitter: Einige Kommunalwahl-Kandidaten in Niedersachsen betreiben exzessiven Wahlkampf im Internet. Vor allem der Nachwuchs werde dann sein erstes Kreuzchen bei ihnen machen, hoffen sie.
"Goslar entwickelt sich zur Rentnerstadt": Diesen Vorwurf hat Oliver Junk, CDU-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters, schon mehrfach auf seiner Facebook-Seite gelesen. Der 35-Jährige betreibt seinen Wahlkampf energisch – nicht nur auf der Straße, auch im Internet. "Ich möchte auch mit den 16- bis 20-Jährigen in Kontakt kommen, die ich sonst nicht erreichen würde", sagt er. Deshalb postet er Fotos, beantwortet Kommentare und verschickt Freundschaftseinladungen – mehr als 1100 virtuelle Freunde hat Junk schon gesammelt.
Das World Wide Web gewinnt im aktuellen niedersächsischen Kommunalwahlkampf immer mehr an Bedeutung. "Die Wähler erwarten, dass die Parteien auch im Internet aktiv sind", erklärt der Wissenschaftler für Politische Soziologie, Daniel Gardemin, von der Leibniz-Universität Hannover. Gerade jüngere Politiker twittern und bloggen deswegen zunehmend um die Gunst der Wähler – und hoffen am 11. September auf viele Kreuzchen vom Nachwuchs.
"Ich möchte gern etwas Niedrigschwelliges anbieten – und mit lustigen Videos kann ich auch bei jungen Leuten punkten", sagt Frank Straßburger, auf Listenplatz 1 der SPD bei der Wahl der Regionsversammlung in Hannover. Für seine Partei drehen der 31-Jährige und seine Kollegen kurze Videos einzelner Kandidaten und laden sie im Onlineportal Youtube hoch. Außerdem twittert er für seinen Stadtverband. "Vielleicht kann ich so der befürchteten niedrigen Wahlbeteiligung etwas entgegenwirken", hofft Straßburger.
Doch Plakate an Laternenpfosten und der Wahlkampfstand an Markttagen sind noch lange keine Vergangenheit. "Das persönliche Gespräch ist durch das Internet nicht zu ersetzen", meint Wissenschaftler Gardemin. Schließlich werde gerade im Kommunalwahlkampf viel am Gartenzaun entschieden – und sei immer noch im Fokus der Parteien. Das Internet sei vor allem ein zusätzliches Wahlkampfinstrument geworden. Ob für CDU, SPD oder Linke: Webseiten mit Fotos, Texten und einer Kommentarfunktion gehören jedoch bei fast jedem Orts- und Kreisverband zum guten Ton. "Hier können die Kandidaten zeigen, dass sie überall kompetent sind", sagt Gardemin.
So versucht jede Partei gerade vor der Kommunalwahl irgendwie im Netz mitzumischen: Die CDU Brake sammelt Vorschläge zu "Brake bessern". Die Piraten-Partei Hameln-Pyrmont zum Beispiel hat ein Video über das Kumulieren und Panaschieren bei der Kommunalwahl gedreht. Die Freien Wähler Ganderkesee schreiben sarkastische Kommentare in ihrem Online-Tagebuch. Und auf der Homepage der Jungen Liberalen Niedersachsens wird jeden Tag ein "Kandidat des Tages" vorgestellt. "Sind die Auftritte aber schlecht gemacht, sind sie im schlimmsten Fall Anti-Werbung", warnt Gardemin. "Internetwahlkampf sollte immer auch abhängig von der Zielgruppe der Parteien sein." Etwa ein Drittel Internetwahlkämpfer sind unter den CDU-Kandidaten, schätzt der Sprecher der CDU Niedersachsen, Torben Stephan.
Dagegen gingen sicher mehr als die Hälfte der niedersächsischen Grünen-Kandidaten inzwischen auch online auf Stimmenfang, meint Katja Sauer, Sprecherin der Grünen in Niedersachsen. "Studien haben die Grünen-Wähler als die Internetaffinsten ausgemacht." Deswegen habe die Partei eine extra Webseite nur für die Kommunalwahl angelegt. Der Landesvorsitzende der niedersächsischen Grünen Jan Haude bastelt täglich an seiner Webseite und seinem Blog. "Das Internet ersetzt aber nicht den Straßenwahlkampf", meint der 29-Jährige.
So sieht es auch Wahlkämpfer Junk: Auf seiner Facebook-Seite verspricht er den jungen Goslarern sich um Skateboard-Rampen und Jugendhäuser in der Stadt zu kümmern. Doch er geht nicht nur in virtuellen Welt auf Stimmenfang, sondern auch ganz real und zu Fuß. "Wenn ich von Haustür zu Haustür gehe und mich dort vorstelle, ist das ja auch nichts anderes, als eine Freundschaftsanfrage im Netz." (jk)