Streiten mit Sympathie
Die Diskussion über „Post-Privacy“, ein Leben ohne Privatsphäre, spaltet seit einigen Jahren die Internetgemeinde. TR hat ein Streitgespräch dazu organisiert, das verblüffend fair abgelaufen ist.
- Manfred Pietschmann
Der Datenschutz ist tot, es lebe die totale Transparenz. Radikal offen wünscht sich die Soziologin und Netzaktivistin Julia Schramm den Umgang mit persönlichen Daten im World Wide Web: Wenn jeder alles über jeden weiß, ist niemand mehr erpressbar, so die Theorie. Solchen Verzicht auf die selbstbestimmte Entscheidung, ob und wem ich Einblick in meine persönlichen Daten gewähre – kurz den Verzicht auf Privatsphäre im Internet – findet Constanze Kurz, Sprecherin vom Chaos Computer Club und Mitautorin des Buchs "Die Datenfresser", reichlich naiv. Einem Streitgespräch zwischen den beiden Kontrahentinnen, eigens durchgeführt für die nächste, Ende September erscheinende Ausgabe von Technology Review, konnte ich gestern in Berlin zusammen mit meinem Kollegen Wolfgang Stieler beiwohnen. Die vereinbarten 90 Minuten wurden für mich zur spannenden Sternstunde politischer Debattenkultur.
Die Diskussion über „Post-Privacy“, ein Leben ohne Privatsphäre, spaltet seit einigen Jahren die Internetgemeinde. Kaum ein User, der dazu keine Meinung hat. Deshalb nahmen Wolfgang Stieler und ich uns schon auf der Fahrt von Hannover nach Berlin vor, als Moderatoren in dem Gespräch keinesfalls selbst Position zu beziehen. Aber wir wollten auch Vorsorge treffen für den Fall, dass die Kontrahentinnen vielleicht irgendwann das Streiten vergessen. Aus diesem Grund hatten wir einige provozierende Fragen vorbereitet – je nach Bedarf mal an die eine, mal an die andere Seite zu adressieren.
Um es gleich zu sagen – die Sorge war unnötig. Julia Schramm und Constanze Kurz gingen nach kurzer Aufwärmphase so engagiert aufeinander los, wie man es sich als Moderator nur wünschen kann. Auch Gestik und Mimik drückten diese Leidenschaft aus, so dass unser Fotograf Norbert Michalke voll auf seine Kosten kam. Und trotzdem fand dieser Streit in einer unerwartet freundlichen Atmosphäre statt, die ich bei diesem Thema für schlicht unmöglich gehalten hätte.
Es kommt oft vor, dass Kontrahenten von Streitgesprächen sich bereits vorher persönlich kennen. Besonders wenn sie als „Galionsfiguren“ ihrer Denkrichtung in vorderster Front stehen, sind sie sich oft schon mehrfach bei Podiumsdiskussionen oder Talkshows begegnet. Als Moderator muss ich in solchen Fällen fürchten, dass die Kontrahenten nach höflicher Begrüßung – „Ach, wir beide mal wieder“ - anfangen, sich zu langweilen, weil sie die Argumente des Gegners ja schon kennen. Solche Debatten werden von Minute zu Minute zäher, und man wartet förmlich darauf, dass die Streithähne anfangen, sich über gemeinsame Bekannte oder den neuesten Kinofilm auszutauschen.
Bei Julia Schramm und Constanze Kurz war alles anders. Dass die beiden sich duzten, kann in der Internetszene sicher als normal gelten. Aber obwohl die Positionen unversöhnlich aufeinander prallten und der Streit sogar noch nach den vereinbarten 90 Minuten weiterging, begegneten sich die beiden Kontrahentinnen offenkundig mit einer Sympathie, die auch die Rolle der jeweils anderen mit einschloss. Keine wurde persönlich, keine nahm übel, keine machte sich lustig. Diese Art miteinander zu debattieren und dabei den Streitgegenstand und die Person des Gegners getrennt zu behandeln, machte auf mich einen außergewöhnlich souveränen Eindruck. Vielleicht sollten wir öfter mal zwei Frauen zum Streitgespräch bitten. (wst)