Ende einer digitalen Legende

Es mehren sich die Hinweise, dass die Ära des PC zu Ende geht. Nun beginnt das Zeitalter der Datenkraftwerke.

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Von
  • Peter Glaser

Es mehren sich die Hinweise, dass die Ära des PC zu Ende geht. Nun beginnt das Zeitalter der Datenkraftwerke.

Von Thomas J. Watson, bis 1956 Vorstandsvorsitzender der Firma IBM, stammt ein berühmte Zitat: "Ich glaube, dass es auf der Welt einen Bedarf von vielleicht fünf Computern geben wird." Lange wurde diese Prognose belächelt. Was den Personal Computer angeht, sieht es inzwischen aber so aus, als würde Watson letztlich recht behalten.

Es mehren sich die Hinweise, dass die Ära des PC zu Ende geht. Neue kleine, leistungsmächtige Maschinen, neue Freiheiten, die sich die User nehmen wollen, neue Dienste, die das Computing allgegenwärtig machen wie Sauerstoff – die digitale Welt verwandelt sich in etwas, das Kommunikation, Netzzugang und Datenzugriff überall und jederzeit bereithält. Der klassische PC, der lüftersäuselnd auf dem Schreibtisch hockt, ist zu plump für diese neue Welt. Zu stationär, zu unbeweglich. Die PC-Revolution ist vorbei, das Konzept hat sich überlebt. Nun kommen mobile, multitalentierte Maschinen, die sich besser verteilen (bis in unsere Jackentaschen) und eine neue Art von Netz formen – Audioplayer, Smartphones, hauchdünne Medientablets, etc. Und es kommt Computerleistung im Hintergrund, die unscheinbar abrufbar ist, wie Leitungswasser, und die den Besitz von Geräten möglicherweise ganz überflüssig machen wird.

Angesichts von rund 84 Millionen weltweit verkauften PCs im ersten Quartal 2011 wird manchem die Auffassung, dass es mit dem PC vorbei ist, etwas weit hergeholt scheinen. Aber in der digitalen Welt können sich die Dinge sehr schnell ändern. Seit das neue Jahrtausend begonnen hat, sehen Marktforschungsinstitute wie Gartner und IDC auf dem weltweiten PC-Markt eine zunehmend schwächelnde Nachfrage. Die Verkaufszahlen sind rückläufig, einzig Notebooks und Netbooks verkaufen sich gut. Mobiler, handlicher, brillanter – und durch Apps wandlungsfähig wie ein Chamäleon: so sieht die Hauptströmung der Wünsche aus, die Nutzer heute an ein Gerät haben, das sie mit dem Netz verbindet und jederzeit und an jedem Ort Spaß haben, suchen und arbeiten lässt. Der Trend ist unübersehbar: Der PC ist tot. Er will es nur noch nicht richtig wahrhaben.

Der Begriff "Personal Computer" tauchte zum ersten Mal im Oktober 1968 in dem Wissenschaftsmagazins "Science" auf – in einer Anzeige für eine programmierbare Rechenmaschine von Hewlett-Packard, die HP 9100A. Das 20 Kilo schwere, 4.900 Dollar teure Gerät hatte mit dem, was ein paar Jahre später als Persönlicher Computer angesehen wurde, kaum etwas gemein. Bald wurde klar, dass die PC-Revolution nicht von der Hardware ausging. Als die Rechner von Apple auf den Markt kamen, hielten Businessleute sie erst für Spielzeug, bis 1979 mit "VisiCalc" die Mutter aller Tabellenkalkulationsprogramme auf dem Apple II erschien und die Geschäftswelt veränderte. Ein Betriebssystem für den PC – erst DOS, dann Windows – machte, in Kombination mit einem Softwarepaket fürs Büro, Bill Gates zum reichsten Mann der Welt.

Jeder konnte nun eine Maschine haben, die sich mit Hilfe von Software in eine erstaunliche Vielfalt von Maschinen verwandeln ließ. Als Anfang der 90er Jahre das Internet seinen großen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte, kam die Vernetzung der wie Dateninseln auf den Schreibtischen stehenden PCs voll in Fahrt. Das Web – eine weltweite Wohngemeinschaft für Personal Computer. Nun wurde der PC, mit einem neuen Stück Software – dem Browser – zu etwas, das die Menschen hinausführte in eine neue Welt: den Cyberspace. Zur selben Zeit wurde die Mobiltelefonie massentauglich. Gab es 1990 in Deutschland erst 300.000 Mobilfunkteilnehmer, so waren es im Jahr 2000 bereits 48 Millionen. Mit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts und dem Aufkommen der Sozialen Medien stellte sich heraus, dass wir nicht im Informationszeitalter leben, sondern im Kommunikationszeitalter. Nebeneinander verlaufende Technologiestränge begannen sich zu sozusagen mehrgerätehaften Geräten wie den Smartphones zu verbinden. Nun ist der digitale Medienfluss dabei, sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln – etwas, das permanent da ist. Wir möchten nicht mehr immer wieder, wie vor einen Hausaltar, vor den Desktop-PC einkehren müssen. Wir wollen überall digital sein können. Dazu verhilft uns Post-PC-Technologie.

Scott McNealy, der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Sun Microsystems, erklärte den klassischen PC schon in den neunziger Jahren für tot: "Das Netz ist der Computer." Was damals noch zu früh war, vollzieht sich nun mit Verspätung tatsächlich: die Abwanderung vom PC in die Wolke hat begonnen. Der PC verliert sein P – aus Abertausenden vernetzter, unpersönlicher Steckkarten bestehen die großen Data Center, die nun als Datenkraftwerke für die Versorgung der Online-Menschheit mit Speicherplatz und Leistung verfügbar sind. (bsc)