Restrisiko

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Restrisiko

Nein, es hätte keines weiteren Beispiels bedurft: Wir wissen schon längst, dass das wahre Leben viel komplizierter ist, als es Techniker-Gehirne zu fassen vermögen. Grausames Exempel in jüngster Zeit war Fukushima - auch dort glaubten Ingenieure, sie hätten "alles" im Griff. Doch "alles" ist Definitionssache, und deshalb lässt der Macher gerne mal das ein oder andere weg, damit sein Ding besser machbar wird: Auf dem Papier traten Erdbeben und Tsunamis nie gleichzeitig auf und waren in ihrer Macht beschränkt. Wäre man von stärkeren Naturkräften ausgegangen, hätte man ja dickere Fundamente und höhere Mauern bauen müssen - und den technischen Traum nicht realisieren können. Doch Naturgewalten setzen sich über Vereinfachungen und Annahmen hinweg. Und schließlich ist da noch der "Faktor Mensch": Der tut in der Praxis nicht immer das, was er theoretisch soll. Der Maschinenführer vor Ort verhaut sich einfach mal, versteht die Anleitung nicht, ist müde, unkonzentriert, übermütig oder gar böswillig. Kurz gesagt: Unberechenbar, so wie das ganze Leben eben.

Katastrophale Fehleinschätzungen haben kürzlich nicht nur die Atomkraft diskreditiert, sondern etwa auch Wikileaks. Ein Machertyp mit großem Geltungsdrang, Ehrgeiz und Überzeugungskraft glaubte fest an seine technische Utopie. Sichere Verschlüsselung und ausgeklügelte Konzepte garantieren die Anonymität von Informanten und bewahren brisante Dokumente vor Vernichtung. Doch ach, die scheinbar so geniale Idee scheitert an einem trivialen Fehler: Ein geheimer Schlüssel liegt offen herum. Keine bösen Mächte, keine fremden Kräfte zwangen Wikileaks in die Knie, sondern die Hybris der Macher: die Überzeugung, alles im Griff haben zu können. Macht der Blick durch die technische Brille blind für Risiken, die sich nicht exakt berechnen lassen?

Das Wikileaks-Desaster hinterlässt Ernüchterung: Aus der Traum! Wieder einmal wiederholt sich die Geschichte. So, wie die Nachkriegsgeneration auf den technischen Fortschritt hoffte - man flog zum Mond, Atomkraft versprach unendliche Energiemengen, das Auto Freiheit für alle -, so wollen wir an den digitalen Heilsbringer glauben: das Netz als Demokratiemaschine. Doch die Technik ist bloß ein Werkzeug. Hehre Vorhaben scheitern auch im virtuellen Raum an der Unvorhersagbarkeit der wirklichen Welt. Shit happens, das wissen wir alle, und doch ignorieren Technokraten immer wieder Probleme, die so alt sind wie die Menschheit selbst.

Wer überall bloß Gefahren wittert und stets das Schlimmste annimmt, wird sich aus lauter Angst nicht fortentwickeln. Doch je dichter das Netz unseren Globus einwebt, desto größere Schäden hinterlässt das Prinzip "erst machen, dann denken". Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen. Bleibt das ausschließlich einer kleinen Schar von Experten vorbehalten, ist es mit Demokratie und Teilhabe nicht weit her. Die Wikileaks-Panne zeigt deutlich, dass wir über das junge Medium Internet noch sehr viel lernen müssen. (ciw)