Verriss des Monats: Hybrider Humbug

Elegante technologische Mischformen scheinen besser geeignet, uns in die Gerätezukunft zu führen, als monolithische Universal-Dinger. Manchmal geht das Mischen aber ordentlich daneben.

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Von
  • Peter Glaser

Elegante technologische Mischformen scheinen besser geeignet, uns in die Gerätezukunft zu führen, als monolithische Universal-Dinger. Manchmal geht das Mischen aber ordentlich daneben.

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

Es ist ein bisschen wie in den Trickfilmen, in denen eine Figur auf einem Ast sitzt und sich diesen selbst absägt. Oder wie wenn Donald Duck einen Fußboden frisch lackiert und bemerkt, dass er sich in die Ecke lackiert hat. Es ist auch ein bisschen wie mit der Brille von Geordi La Forge, die eine futuristische Technologie ("VISOR") darstellen soll, die einem Blinden hilft zu sehen – während in Wirklichkeit Geordi La Forge-Darsteller LeVar Burton wenig für das Ding übrig hatte, da es drückte, Kopfschmerzen verursachte und man nichts sah (das Original des VISOR wurde aus dem Luftfilter eines Honda zusammengebastelt).

Wir haben heute einen Hybriden auf dem Kieker: Ein Gadget, in dem sich zwei verschiedene Technologien treffen. Vor ein paar Jahren hieß es noch, Konvergenz ist die Leitströmung in die Zukunft. Die Verschmelzung zwischen Telefon, TV und Computer. Aber wo alles auf einen Punkt zuläuft, droht Totalitarismus, das ist das Gefährliche an der Idee von der Konvergenz. So folgt die menschliche Kultur einem anderen Entwicklungsprinzip: der Zunahme an Unterschieden. So wie bei der Evolution von Molekülen, bei der kleinere Einheiten sich zu größeren verbinden, zeigen nun Mischformen den technischen Frontverlauf auf den Weg in das Multiversum an.

Die Hybridisierung kündigt sich schon lange an. Bereits 1936 stand im Labor eine Kombination aus Löffel und Zahnbürste als Prototyp zur Verfügung. Heute haben wir, beispielsweise, Kameras mit integriertem Projektor oder einen Hightech-Kuli wie den Livescribe Pulse, der mit Hilfe eines eingebauten Mikrofons Ton aufnimmt und alles Gesprochene mit dem verknüpft, was gleichzeitig geschrieben wird. Gadgets wie das iPhone haben nicht nur aufgrund von Designqualitäten einen Ruf wie Donnerhall. Es sind ausgezeichnete Beispiele für gelungene Hybriden, die eine ganz neue Qualität der Nutzung hervorbringen.

Nicht jede Kombination von Eigenschaften aber ist erfolgreich. Der Kühlschrank mit Internet-Anschluss wartet seit Jahren vergeblich auf den großen Durchbruch. Und auch das Telefon mit Bild hat bereits eine lange, leidvolle Geschichte hinter sich, die den Visionen so gar nicht entspricht. Eine gerade noch gelungene Hybrid-Entwicklung, bereits mit einer Neigung ins Absurde, ist der Pianorechner einer Firma mit dem schönen Namen Made by Humans. Künstlerisch kühn auch die von den Bürsten einer Autowaschstraße inspirierte drehbare Deckenlampe des Designers Philippe Malouin.

Die Grenze des Hinnehmbaren überschritten haben aber die Konstrukteure dieser USB-Maus mit eingebautem digitalem Bilderrahmen. Was für eine abgefahrene Idee: Wenn man die Maus benutzt, sieht man das Bild nicht, weil die Handfläche draufliegt. Und wenn man sie nicht benutzt – was gibt es Absurderes als einen Menschen, der sich, leicht über seinen Schreibtisch vorgebeugt, Urlaubsbilder auf dem 1,5-Zoll-Display seiner Maus anschaut. Die 8 MB Speicher reichen für 50 Fotos, zugleich erfüllen sie mich mit Grauen, was unsere Zukunft in Begleitung intelligenter Dinge angeht.

Ich sehe überall Displays, alptraumhafte Mengen davon, von denen die Dingwelt überwuchert wird wie von Flechten oder einer digitalen Art des Hausschwamms und stelle mir vor, dass alle Bildschirme dasselbe zeigen, nämlich Sascha Lobo als eine Art Brieftaschenstandardfoto des 21. Jahrhunderts. Und alle 50 Fotos in der Maus zeigen dasselbe.

Die meisten kulturpessimistischen Denkmodelle basieren auf dem Denkfehler eines scheinbaren Entweder-Oder – entweder Buch oder Fernsehen, entweder Couchpotato oder Mauspotato. Damit erfindet man aber nur ein Problem, das es nicht gibt. Es gibt nur das Viele. Und damit die Hoffnung, dass die Mausbebilderung schnell wieder ausstirbt. ()