Hintergrund: Die FuĂźball-WM 2006 in HDTV
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dient nicht nur als Werbevehikel für hosenlose Stofflöwen und den "heiligen Rasen", sondern soll den Europäern auch das hochaufgelöste Fernsehen näher bringen.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dient nicht nur als Werbevehikel für hosenlose Stofflöwen und den "heiligen Rasen", sondern soll den Europäern auch das hochaufgelöste Fernsehen (High Definition Television, HDTV) mit bis zu 1920 × 1080 Bildpunkten näher bringen. Schließlich werden alle 64 Spiele des Turniers laut zuständigem Host Broadcast Service (HBS) in HDTV produziert und unter anderem in Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland auch in diesem Format übertragen.
Da nur Premiere die WM-Spiele in HD zeigt, benötigt, wer hierzulande in den eigenen vier Wänden die WM-Spiele in High Definition genießen möchte, neben einem HD-tauglichen Receiver (für Sat- oder Kabelempfang) und einem passenden Display auch ein Pay-TV-Abo. Anfang Mai hatten nach Angaben des Münchener Bezahlsenders 20.000 der 3,52 Millionen Kunden diese Angebot gebucht. Neuere HD-Zuschauerzahlen wird es erst nach der WM geben.
Doch auch ohne eigene HDTV-Empfangsanlage kann man die WM 2006 hochaufgelöst genießen: So zeigen beispielsweise 67 Kinos die Weltmeisterschaft in HD – darunter CinemaxX-Filmtheater in Augsburg, Berlin, Dortmund, Freiburg, Halle, Hamburg, Hannover, Kiel, Krefeld, Mühlheim/Ruhr, Oldenburg, Sindelfingen, Wolfsburg, Würzburg sowie UCI-Kinos in Berlin, Bochum, Dessau, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Gera, Groß Gaglow bei Cottbus, Günthersdorf, Hamburg, Hürth, Kaiserslautern, Neuss und Potsdam.
Hinzu kommen laut Premiere 50 Sportsbars, in denen die Fußballspiele hochaufgelöst zu sehen sind. Damit bleibt der Pay-TV-Sender weit hinter den Ankündigungen seines Chefs, Georg Kofler, auf der Pressekonferenz vor Eröffnung der IFA 2005 im vergangenen August zurück. Damals war von bis zu 1000 Sportsbars die Rede, die zur WM mit HDTV-Empfängern und -Displays ausgerüstet werden sollten. Die Umsetzung dieses Plans gestaltete sich auch deshalb schwierig, weil zwischen der Digital-TV-Ausstrahlung in Standardauflösung und der in HD eine zeitliche Verzögerung auftritt. Diese wird bedingt durch die verschiedenen Codecs (MPEG-2 bei den SDTV-, H.264/AVC bei der HDTV-Übertragung) und unterschiedlichen Datenraten. Damit entfällt laut Premiere die Möglichkeit, in größeren Gaststätten eine "HDTV-Ecke" parallel zur Übertragung in Standardauflösung einzurichten.
Ein nicht für die Öffentlichkeit zugängliches HDTV-Zelt hat indes die in Hannover ansässige Fernsehproduktionsgesellschaft TVN aufgebaut. Hier können sich Geschäftspartner selbst ein Bild von der Weltmeisterschaft in hochaufgelösten Bildern machen. Bei der HDTV-Wiedergabe kommt dabei ein Sanyo-Beamer vom Typ PLV-HD10 sowie zwei LG-Displays vom Typ 50PX4R zum Einsatz. Das mit fünf Niederlassungen einschließlich Studios und Schnittplätzen deutschlandweit tätige Unternehmen stellt zur WM für HBS 14 Teams und produziert mit einem umgerüsteten Übertragungswagen (TVN-Ü1) unter anderem für die japanischen Sender Fuji TV und Nippon TV je vier Spiele in HDTV. Das neue Ü-Wagen-Flaggschiff des Unternehmens namens TVN-Ü3HD wurde beim Eröffnungsspiel in München eingesetzt. Das 10 Millionen Euro teure und 40 Tonnen schwere Gefährt besitzt unter anderem zwei Regien. TVN-Geschäftsführer Frank Hähnel geht davon aus, dass der U3HD anfangs zu zwei Dritteln für Produktionen in Standardauflösungen genutzt wird. Er hofft jedoch, dass in fünf Jahren nur noch in HD produziert wird.
Ein Verlierer bei der WM-Übertragung in HDTV steht unterdessen bereits fest: Dem niederländischen Elektronikkonzern Philips ist es nicht gelungen, seinen HDTV-fähigen Satelliten-Receiver rechtzeitig zur Weltmeisterschaft auf den Markt zu bringen. Angekündigt worden war das Gerät zunächst sogar zum ursprünglich auf den 19. November angesetzten Premiere-HD-Start, der später auf den 3. Dezember verschoben wurde. Zuletzt mochte Philips gegenüber heise online keinen Termin mehr nennen. Noch immer bemühen sich die Entwickler Unternehmensangaben zufolge um "höchstmögliche Interoperabilität".
Die Frage bleibt, wie es nach der WM mit HDTV in Deutschland weitergeht – nicht zuletzt, weil Premiere die Public-Viewing-Rechte an der Fußball-Bundesliga für die kommenden drei Spielzeiten an Arena verloren hat und der neue Inhaber bislang keine Übertragungen in HD-Auflösung angekündigt hat. Doch selbst der bisherige Plan von Premiere sah lediglich die Übertragung des Topspiels der Woche in High Definition vor. (nij)