Im sozialen Bildernetz
Chris Poole, Gründer des berühmt-berüchtigten Underground-Forums 4chan, versucht mit Canv.as nun einen seriösen und risikokapitalfinanzierten Online-Dienst zu etablieren.
- Erica Naone
Chris Poole, Gründer des berühmt-berüchtigten Underground-Forums 4chan, versucht mit Canv.as nun einen seriösen und risikokapitalfinanzierten Online-Dienst zu etablieren.
Die meisten sozialen Netzwerke verlangen ihren Nutzern oft mehr Arbeit ab, als sie Vergnügen bereiten: ein weiteres Postfach, das man durchschauen muss, ein weiterer Ort im Internet, an dem man eine möglichst akkurate Freundesliste zu pflegen hat. Chris Poole versucht nun, dem ein neues Angebot entgegenzusetzen: Canv.as soll ein Ort im Netz sein, der Usern die Möglichkeit gibt, mit Bildern zu spielen und diese miteinander zu teilen – und dabei spontane Kreativität walten zu lassen.
Der Mann ist kein Unbekannter: Poole ist Gründer des berühmt-berüchtigten Forums 4chan, das zu den wilderen Ecken des Netzes zählt. Die anonyme Community steckt hinter zahllosen berühmten Internet-Späßen und Memes.
Mit Canv.as will der 23jährige nun versuchen, ein Mainstream-Angebot mit einem Hauch jener Gegenkultur anzureichern, die 4chan berühmt gemacht hat. Das Kontaktknüpfen auf der Plattform soll außerdem Spaß machen. "Das Spielerische ist sehr wichtig für uns", sagt er.
Ein Canv.as-Benutzer wird von einer Wand aus Bildern begrüßt – einige schön, einige lustig, einige politisch. Der User kann diese Bilder dann mit einfach zu verwendeten Bildbearbeitungswerkzeugen verändern, die direkt in die Seite eingebaut sind. Alternativ lassen sich auch neue Bilder hochladen, mit denen andere User dann selbst spielen können.
Die Nutzer können anschließend die verschiedenen Kreationen bewerten – mit virtuellen Aufklebern sowie Kommentaren. Außerdem kann man Gruppen beitreten, die sich mit bestimmten Themen beschäftigen. Der Prozess soll möglichst einfach und einladend sein, eine Kontrolle über das Endergebnis haben allein die Nutzer.
Noch wichtiger ist es Poole, dass Canv.as Nutzern nicht dazu zwingt, unter ihrem Klarnamen zu posten oder ständig die gleiche Online-Identität zu pflegen. "Dieses Thema ist nicht schwarz oder weiß. Es ist ein Regenbogen. Es gibt ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten der Online-Identität." Etwas aus dem Rahmen fällt da, dass man sich bei Canv.as mit seinem Facebook-Account anmelden muss – der wird zwar später nicht mehr gebraucht, doch das Bildernetz erhält den dort hinterlegten Klarnamen.
Trotzdem gibt es die Wahlmöglichkeit, ob man mit Profil oder anonym posten will. Die Anonymitätsoption erlaubt es auch, erst einmal zu testen, ob einem Canv.as gefällt – und die Reaktionen anderer User zu testen, ohne seine Reputation zu gefährden. Nutzer können später aber entscheiden, sich doch zu ihrem Werk zu bekennen, wenn sie meinen, es kommt ordentlich an. Poole glaubt, dass das dazu führt, dass mehr Nutzer mitmachen. "Die meisten Leute sind darauf konditioniert, sich vor möglichen Reaktionen anderer Leute zu fürchten. Bei Canv.as wird man für seinen Erfolg belohnt und nicht für seine Fehlschläge bestraft."
Der Canv.as-Gründer will zur Finanzierung nicht auf Werbung setzen, wie das andere soziale Medien tun. "Display-Anzeigen sind uninteressant." Stattdessen findet er andere Geschäftsmodelle wie das des Spieledienstes Zynga spannend, wo man virtuelle Waren für Cent- oder kleine Euro-Beträge an Teilnehmer verkauft. Canv.as könnte das auch, etwa indem Zusatzfunktionen, virtuelle Aufkleber oder neue Werkzeuge für Gruppen zu einem bestimmten Preis offeriert werden.
Tim Hwang, Mitbegründer der Internet-Kultur-Konferenz "ROFLCon", glaubt, dass leicht zu bedienende künstlerische Werkzeuge wie die von Canv.as die Eintrittsbarrieren für Nutzer senken, im Netz kreativ zu werden. "EIn häufig vorkommendes Thema in einigen der erfolgreichsten Memes wie etwa den LOLCats ist die Tatsache, dass es einfache Vorlagen gibt, mit denen jeder mitmachen kann." Das sei ein mächtiges Werkzeug. "Da muss man nicht viel erklären." Canv.as sei deshalb ein Experiment, das die Meme-Produktion künftig verstärkt ankurbeln könnte.
Völlig neu ist ein solcher Dienst allerdings nicht. Neben Pooles 4chan gibt es Firmen wie das Cheezburger Network (CN), wo sich große Gemeinschaften rund um spezielle Memes gebildet haben. Todd Sawicki, der für das Einnahmenmanagement bei CN verantwortlich ist, glaubt, dass Meme künftig zu einem wertvollen Produkt werden könnten. Auch CN bietet Werkzeug zur Bildbearbeitung, zum Teilen und Publizieren von Memes, die man dann gerne in eigene offizielle Angebote übernimmt. Die Kombination aus Community und redaktioneller Kontrolle habe bereits "Millionen Dollar an Umsatz" angezogen, sagt Sawicki, der glaubt, dass Marken bereits realisieren würden, dass "Memes die TV-Sendungen der Zukunft" seien.
Der Unterschied zu Canv.as ist, dass Poole selbst keine redaktionelle Kontrolle ausüben will. Er glaubt zwar, dass Memes eine Rolle spielen werden, doch das sei eben nicht alles. Man habe Bereiche der Seite eingerichtet, in denen es um Mode oder Fotografie gehe, also durchaus ernstere Themen und den Austausch eigener Kunst.
Momentan bastelt Canv.as, das gerade offiziell gestartet ist, noch an den Funktionen. Diese sollen so gestaltet sein, dass man möglichst jeden mitnehmen kann. "Bei jedem Forum ist es normalerweise so, dass es für jeden Beitragenden neun Leute gibt, die nur zusehen." Canv.as' erste Ergebnisse sprechen für eine hohe Nutzerbeteiligung. Rund 50 Prozent der User verwenden bereits virtuelle Aufkleber, um die Werke anderer User zu verschönern und 25 Prozent stellen eigene Texte oder Bilder ein. (bsc)