Spielzeugroboter mit ernstem Hintergrund
Der Roboter "My Keepon" könnte sich in den nächsten Monaten zum Weihnachtshit entwickeln. Dabei entstammt der tanzende Automat für Kinder wissenschaftlicher Forschung.
- David Zax
Der Roboter "My Keepon" könnte sich in den nächsten Monaten zum Weihnachtshit entwickeln. Dabei entstammt der tanzende Automat für Kinder ernsthafter wissenschaftlicher Forschung.
Produkte, die es so wohl nur aufgrund der Fantasie japanischer Entwickler geben konnte, haben es in den letzten Jahrzehnten schon öfter im Westen zu Kultstatus gebracht – Pokemon etwa, das Tamagotchi oder Spielzeug der Marke Hello Kitty.
Bei "My Keepon", einem tanzenden Roboter, den der US-Spielereise Toys "R" Us nun zu vermarkten beginnt, ist die Entstehungsgeschichte eine andere. Der kleine gelbe Automat, der trotz seines einfachen Äußeren erstaunlich ausgefeilte Bewegungen ausführen kann, sollte ursprünglich autistischen Kindern helfen, ihr Sozialverhalten angstfrei zu üben.
Hinter dem Produkt steckt der japanische Robotik-Forscher Hideki Kozima von der Miyagi University. Wie der Forscher erklärt, liegt sein Spezialgebiet in der Erforschung der Fähigkeit des Menschen, sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen – ein Interesse, das mit Robotik ebenso viel zu tun hat wie mit künstlicher Intelligenz und der Kognitionswissenschaft.
Vor rund sieben Jahren begann Kozima mit der Fragestellung, ob ein einfacher Roboter vielleicht dabei helfen könnte, autistischen Kindern das Herstellen sozialer Kontakte zu erleichtern. Für Betroffene sind Interaktionen mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht oft sehr schwer. Doch ein niedlich aussehender Roboter könnte vielleicht einfach genug sein, die Aufmerksamkeit eines autistischen Kindes auf sich zu ziehen und ihm gleichzeitig etwas über soziales Verhalten beibringen.
My Keepon, das Resultat dieser Forschung, wirkt auf den ersten Blick so einfach, dass man ihn kaum Roboter nennen mag. Doch anfangs enthielt der Roboter rund 30.000 Dollar teure Technik in seiner bescheidenen, gelben Verpackung. In Einzeltests fand Kozima heraus, dass seine Hypothese durchaus funktionieren kann: Autistische Kinder nahmen mehr Augenkontakt mit dem Roboter auf als mit normalen Personen. Verhalten, das sie sonst kaum gegenüber anderen Menschen zeigten, etwa das Berühren und Streicheln, wurde normaler.
An dieser Stelle der Entstehungsgeschichte von My Keepon müssten nun eigentlich Autismusforscher die Idee aufgreifen und aus dem Roboter dann ein therapeutisches Werkzeug entwickeln. Stattdessen geschah etwas Merkwürdiges: Es zeigte sich, dass das Internet und die Spieleindustrie schneller sind als klinische Forschungsinstitute.
2006 begann Marek Michalowski, ein Roboterforscher mit ähnlichen Interessen wie Kozima, mit ihm eine Zusammenarbeit in Japan. Michalowski konzentrierte sich auf die Softwareseite des Projekts und brachte dem Roboter schließlich das Tanzen bei. Und zwar nicht nur auf ganz einfache Art, sondern richtig "groovy". Ein Video, in dem Keepon zu dem Spoon-Song "I Turn My Camera On" abtanzt, wurde zur YouTube-Sensation: 2,6 Millionen Abrufe erreichte es in kurzer Zeit.
Ein eingebautes Mikrofon half Keepon dabei, im Takt zu bleiben und ein spezieller Algorithmus sorgte dafür, dass sich die Tanzbewegungen nicht statisch abspielten. "Fresh Moves" nennt man das unter Partygängern wohl.
Aus dem Video wurde ein Internet-Meme – eine Reihe von Nutzern veralberte den kleinen Roboter in Parodievideos. Und es dauerte nicht lange, bis eine erste Spielefirma anklopfte. Kozima und Michalowski taten sich schließlich mit dem britischen Hersteller WOW! Stuff zusammen.
Eine vereinfachte Version soll nun in den USA und anderswo ab Herbst auf den Markt kommen – für unter 50 Dollar. Mit etwas Glück könnte sich daraus ein Topseller entwickeln, eine Werbekampagne ist bereits geplant. Kinderaugen könnten My Keepon zum Hit des Weihnachtsgeschäftes machen.
Damit die ursprüngliche Aufgabenstellung nicht ganz aus dem Blickfeld Gerücht wird, will WOW! Stuff einen Teil der Einnahmen der Autismusforschung spenden. Dort soll dann unter anderem klinisch erforscht werden, ob Kozimas Hypothese wirklich stimmt. (bsc)