Das Geheimnis des Synchrotrons
Teilchenbeschleuniger faszinieren Liederschreiber und Serienautoren. Jetzt hat die britische Forschungsanlage „Diamond Light Source“ einen Schreibwettbewerb zu dem Thema ausgerufen.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Teilchenbeschleuniger wie Synchrotrone sind für mich eine große, bunte Wundertüte. Da werden mit Hilfe von riesigen Magneten und wer weiß was sonst noch Elektronen und Protonen fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und in unterirdischen Röhren im Kreis herumgejagt. Während sie dort zirkulieren, erzeugen sie Strahlung aller Art, von sichtbarem Licht über Infrarot- und ultravioletter Strahlung bis hin zu hochenergetischen Röntgenstrahlen. Die Strahlen werden in separate Versuchskammern abgezweigt und für physikalische, chemische und medizinische Experimente genutzt. Oder man lässt in Teilchenbeschleunigern wie dem „Large Hadron Collider“ (LHC) in der Schweiz Protonen mit einer Energie von unvorstellbaren sieben Teraelektronenvolt aufeinander knallen, um die Entstehung des Universums genauer aufzuklären.
Aber als wäre die Realität nicht abgefahren genug, sind unterirdische Teilchenbeschleuniger (nicht nur) in meiner Phantasie Orte, an denen alles möglich ist. Frei interpretiert nach Arthur C. Clarkes berühmten Zitat: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden.“ Teilchenbeschleuniger üben seit Langem eine Faszination über alle kulturellen Genres hinweg aus. Die Apparaturen wurden schon im Stil von 60-Jahre-Popsongs wie “Collider“ besungen, in Rap-Nummern erklärt und in Büchern wie Douglas Prestons „Credo“ oder Dan Browns „Angels and demons“ zum Tatort von Wissenschaftsthrillern gemacht.
Es muss ja nicht gleich die Welt untergehen, weil im LHC Schwarze Löcher entstehen und die Erde auseinanderreißen. Auch in Synchrotronen gibt es noch jede Menge Material für spannende Geschichten. Die bisher beste wurde – meiner bescheidenen Meinung nach – in der Sci-Fi-Serie namens “Flash forward“ erzählt: In den USA wird mit Hilfe eines gekaperten Teilchenbeschleunigers eine völlig neue Art von Terroranschlag mit weltweiten Auswirkungen verübt. Dabei erlebt die gesamte Menschheit einen kollektiven, dreiminütigen Bewusstseinssprung und erhascht einen Blick auf ihre Zukunft. Doch weil in dieser kurzen Zeit alle das Bewusstsein verlieren, kommt es in der Gegenwart massenhaft zu Flugzeugabstürzen und anderen Katastrophen. Gemeinsam mit Quantenforschern machen sich FBI-Agenten auf die Suche nach den Zeit-Terroristen, die weitere Flash-forward-Anschläge angedroht haben. Leider wurde die Serie schon nach der ersten Staffel abgesetzt, so dass längst nicht alle losen Enden der Handlungsstränge aufgeklärt wurden.
Aber es muss ja nicht gleich eine ganze Serie sein: Jetzt hat die britische „Diamond Light Source“-Forschungsanlage einen Schreibwettbewerb über ihren Teilchenbeschleuniger ausgerufen. Gesucht werden Kurzgeschichten mit einer Länge von maximal 3000 Worten. Wer es kurz und markant mag, kann sich in der 300-Wort-Kategorie „Flash Fiction“ versuchen. Einsendeschluss ist am 30. November 2011. Den Gewinnern auf den Plätzen eins bis drei winken Geldpreise, ihre Geschichten werden – zusammen mit weiteren von der Jury empfohlenen Texten – in einer Anthologie veröffentlicht. Als Einstimmung empfehle ich die phantastische Kurzgeschichte „The Lord of the dynamos“ von H. G. Wells.
(vsz)