Die Unöffentlichkeit

Auch wenn zwei Milliarden Menschen mitmachen: Es ist eine Illusion, dass es sich bei den sozialen Netzen um öffentlichen Raum handelt.

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Von
  • Peter Glaser

Auch wenn zwei Milliarden Menschen mitmachen: Es ist eine Illusion, dass es sich bei den sozialen Netzen um öffentlichen Raum handelt.

Viele beklagen sich darüber, dass sich im Netz immer wieder riesige Kuppelstädte oder besser: Schneekugeln bilden. Bereiche, die zwar transparent, aber geschlossen sind. Proprietäre Regionen. Sonderwelten wie AOL, das Mitte der neunziger Jahre so etwas wie das eigentliche, wohlsortierte, kinderfreundliche Internet zu werden versuchte. Oder Second Life, das Anfang des neuen Jahrtausends aus dem Internet eine Insel aus Inseln zu machen versuchte. Oder iTunes. Oder Facebook, Google+, you name it.

Es geht sozusagen um die Reisefreiheit im Netz. Die Freiheit der Wege wird auf verschiedenen Ebenen bedroht. Firmen wollen die Netzneutralität aufheben, Datenstrecken bevorzugen und dafür Wegezoll verlangen. Bereits seit der Einführung kommerzieller Internet-Provider in den achtziger Jahren läuft der Datenverkehr nicht mehr so uneingezäunt wie in der digitalen Prärie der frühen Jahre, als sich IP-Päckchen, wie von TCP/IP vorgesehen, ihre Wege durchs Netz frei suchen konnten. Heute schließen die Provider untereinander Peering-Agreements, um auch den Datenverkehr des jeweils anderen durchzuleiten, was bei gleichrangigen Anbietern ohne Ausgleichszahlungen funktioniert – kleinere Konkurrenten müssen schon heute bezahlen.

Auf einer anderen Ebene geht es seit einiger Zeit zur Frage der digitalen Identität hoch her, Stichwort: Klarnamen-Debatte. Die Leute von Google möchten, dass die Nutzer bei Google+ ihren richtigen Namen angeben. Das gibt schon mal Probleme bei Künstlernamen oder etwa Pseudonymen, unter denen Blogger sich im Netz einen Namen gemacht haben. Und natürlich muss es auch in dieser neuen Welt, die aus nichts als Kommunikation besteht, Freiräume geben, in denen man sich ungefiltert äußern kann, ohne dass man gleich befürchten muss, deshalb vielleicht seinen Job zu verlieren.

Die eigentliche Illusion aber ist, dass es sich bei Google+, Facebook, Twitter und Konsorten um öffentlichen Raum handle. Es sind Unternehmensbereiche, die sich vielleicht anfühlen wie öffentlicher Raum, in denen aber das Hausrecht des Betreibers gilt. Was sich nun mit den sozialen Netzen – und dem Netz insgesamt – vollzieht, ist eine bislang beispiellose Privatisierung von Öffentlichkeit (auch wenn innerhalb dieses privatisierten Bereichs neue Formen von Quasi-Öffentlichkeit entstehen).

Die meisten der etwa zwei Dutzend U-Bahnlinien in Tokio werden von Privatunternehmen betrieben. Einem dieser Unternehmen gehört auch ein großes Einkaufszentrum in einem der Bahnhöfe. Da man die Bahnhöfe nur mit einem gültigen Ticket betreten kann, bedeutet das: Jemand, der sich keine Fahrkarte kaufen will oder kann, darf dieses Einkaufszentrum nicht betreten. Öffentlicher Raum, der bis vor kurzem als eine Domäne sozialer Gemeinschaftlichkeit angesehen wurde, wird in der realen wie auch in der digitalen Welt in zunehmendem Maß wirtschaftlichen Interessen untergeordnet.

Gehen wir auf eine Welt zu, wie Neal Stephenson sie in seinem Roman "Snow Crash" entworfen hat? – eine brutalkapitalistische Zukunft, in der es kaum noch Staatsmacht gibt und die Rudimente an öffentlicher Ordnung von Privatunternehmen reguliert werden? Die Menschen suchen Zuflucht in einem "Metaversum", einer virtuellen Welt, durch die man sich mit einem Avatar bewegt... Oder ist es so, dass wir Teile der Öffentlichkeit und zugleich auch Teile unserer Privatsphäre aufgeben, um sie gegen einen gewissen Komfort einzutauschen?

Es gibt im Netz keine Entsprechung dessen, was wir als Urbilder des Öffentlichen wahrnehmen. Es gibt keine öffentlichen Plätze und Straßen, keine Townhalls, keine Stufen vor der Akademie. Wird die Öffentlichkeit zum Kellerkind, das sich in den Souterrains von Kommentarfeldern herumdrückt, in denen es nach Rattengift und Irrwitz riecht? Wenn ich mir vorstelle, wie ein nachgereichter, staatlicherseits eingerichteter öffentlicher Raum im Netz aussehen könnte, befällt mich alles andere als Zuversicht. Was tun? Wie können zuverlässig öffentliche Orte – Public Domains – im Netz aussehen? (bsc)