Weit mehr als nur Schönheit

Statt in der Steinzeit befinden wir uns jetzt in der Scheinzeit – der Epoche des Virtuellen. Apple gibt uns mächtige Werkzeuge zum Bemalen und Ausgestalten der digitalen Höhlen an die Hand. Weist nun ein Computerunternehmen der Kunst die Richtung ins 21. Jahrhundert?

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Peter Glaser

Als 1981 ein Entwicklerteam unter dem Dirigenten Steve Jobs am künftigen Apple Macintosh zu arbeiten begann, gab es ein paar handverdrahtete Prototypen, die als gedruckte Schaltungen ausgeführt werden sollten. Bei einem der wöchentlichen Meetings wurde eine Blaupause der aufgeräumten Platine präsentiert. Jobs kritisierte das Layout, und zwar aus rein ästhetischer Sicht. Er fand die Leiterbahnen nicht schön genug angeordnet. Einer der Ingenieure wollte wissen, wen das denn kümmere – "Niemand sieht diese Platine." Darauf Jobs: "Ich sehe sie! Ich möchte, dass sie so schön wie möglich wird, auch wenn sie innen in dem Gehäuse steckt. Ein wirklich guter Tischler wird auch kein lausiges Holz für die Rückseite einer Kommode verwenden, bloß weil niemand sie sieht."

Der Wunsch nach Schönheit ist also tief in die Maschinen von Apple implantiert. Aber reicht das schon für echte Kunst? Hübsche Platinen machen auch andere, etwa der Amerikaner Joe Liles. Aber auch er schafft es nicht, das rein Dekorative zu vermeiden, das übrigens auch dem Begriff Design anhängt. Dinge, die sozusagen zu nützlich sind, um Kunst sein zu können. Digitale Maschinen haben zwei Seelen, eine Hardware- und eine Softwareseele. Und die Kunst – also das, was es sonst noch gibt in der Welt außer Waren und Müll –, wohnt in der Software. Oder?

Digitale Kunst: Die Apps Artrage, ...

Keine anderen Computer sind von der Machart (und vom Marketing) so auf schöpferische Arbeit zugeschnitten, wie die von Apple. Photoshop war die erste Software, bei der ich während der Arbeit vergessen habe, dass ich an einem Computer sitze. Als Autodesk vor kurzem eine iPad-App mit Grundformen zum digitalen Bildhauen vorstellte, musste ich allerdings an die Halbfertigprodukte für Holzschnitzer aus den siebziger Jahren denken, bei denen man eine grob vorgeschnitzte Figur bekam, die man dann glattarbeiten konnte. Und ich erinnerte mich an die ersten 3D-Konstruktionsprogramme, in denen ein zweidimensionaler Umriss wie auf einer digitalen Töpferscheibe rotiert und zu einem Volumen ausgeformt wurde. Auch Photoshop-Plug-ins wie Snap Art dienen eher dem Erschummeln als dem Erschaffen von Kunst. Die Software "verwandelt Fotos in schöne Kunstwerke, die komplett handgemacht aussehen."

Brushes, ...

Kunst aber ist weit mehr als Handwerk und Design (wobei die Tatsache, dass das Handwerkliche heute in der Kunst fast keine Rolle mehr spielt, viele Missverständnisse nach sich zieht). Wenn man unter die Töpferscheibe hinuntertaucht an die Anfänge der Kunst vor etwa 30.000 Jahren, sieht man erstaunt, dass unsere Urahnen bereits kleine Frauenfiguren aus gebranntem Ton gefertigt haben, 15.000 Jahre bevor man Keramik zur Herstellung von nützlichen Dingen wie Krügen verwendete – das macht deutlich, welche Wichtigkeit der Kunst von Anfang an zugemessen wurde. Jetzt malen wir auf Bildschirme statt auf Höhlenwände und statt in der Steinzeit befinden wir uns nun in der Scheinzeit, der Epoche des Virtuellen. Heute sitzen die Nachfahren der alten Magier programmierend vor den modernisierten Kristallkugeln – den Bildschirmen – und lassen, wie seit Jahrtausenden üblich, mit Hilfe kodierter Beschwörungsformeln ihre Visionen auf den Monitoren erscheinen.

und Sketchbook.

Glaubt man einer Studie der National Endowment for the Arts, einer staatlichen amerikanischen Stiftung zur Kulturförderung, dann hat sich durch Computer der Umgang mit Kunst – ob aktiv oder als Betrachter – in den letzten Jahren verdreifacht. Apps wie ArtRage, Brushes oder SketchBook verwandeln das iPhone und das iPad in eine gläserne Leinwand. Kunstwerke wie die iPhone-Gemälde des in Berlin lebenden Engländers Craig Robinson zeigen, dass es wieder an der Zeit ist, zu vergessen, dass man mit Software arbeitet und sich stattdessen in sein Talent zurückzulehnen, wie in einen Ohrensessel. Der Maler David J. Kassan aus Brooklyn führt in einem Video die Kunst des Action Painting mit einem iPad vor, die, nebenbei, an eine berühmte Kurzdokumentation von 1950 erinnert, in der Pablo Picasso seine Arbeit transparent macht, indem er auf einer Glasscheibe malt. Sogar eine Situationisten-App ist schon zu haben. Die Methoden der 1957 gegründeten europäischen Künstlergruppe, die Einfluss auf die Entwicklung der Popkultur hatte, aus Situationen Augenblickskunstwerke zu machen, lassen sich nun technisch forciert am iPhone fortführen.

Die kreative Erweckung lässt einen an den schwarzen Monolithen aus Kubriks "2001 – Odyssee im Weltraum" denken – und eine ähnliche schwarze Geometrie, die an den NeXT-Cube von Steve Jobs erinnert: die schwarze Box des Künstlers Caleb Larsen, die sich alle sieben Tage automatisch immer wieder bei Ebay zu verkaufen versucht. Käufer verpflichten sich innerhalb dieses Zeitraums, die Box sofort wieder zum Verkauf anzubieten, andernfalls spricht der Künstler ihr den Rang als Kunstwerk ab.

"Wir wollen es mit einem neuen Layout versuchen, um die Platine schöner zu machen“, hatte Steve Jobs bei dem Macintosh-Meeting im Jahr 1981 gesagt – "Wenn es nicht funktioniert, nehmen wir das alte Layout." Es kostete etwa 5000 Dollar, ein paar Platinen mit dem schönen Layout herzustellen. Sie funktionierten nicht richtig. Für die nächsten Prototypen kam wieder das alte Layout zum Einsatz – und die Maschine nahm eine weitere Geschichte in jenen Teil von sich auf, den man den Mythos nennt. Er ist die Kunst an dem Ganzen. (se)