Der lange Umschwung
Beim Thema wachsende Fettleibigkeit bleibt immer ein Gefühl der Unzufriedenheit zurück. Wir stellen uns besser darauf ein, dass es länger dauern wird, und vor allem konzertierte, mutige Politikerentscheidungen braucht.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Die Erkenntnis, dass die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Menschen stark gestiegen ist, überrascht niemanden mehr. Auch nicht die von Experten ausgemachten Ursachen (zu wenig Bewegung, zu ungesunde Ernährung), Vorschläge für Gegenmaßnahmen (mehr Sport, gesündere Ernährung, mehr Prophylaxe in den Schulen und generell mehr Bewusstseinsschärfung für die Problematik) sowie die Beteuerungen und schon angestoßenen Maßnahmen von Politikern. Aber wann immer man über das Thema liest, bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit zurück, als würde nicht genug getan, die Maßnahmen zu kurz greifend oder nicht konzertiert genug, kurz – als gehe es nicht schnell genug. Unabhängig davon, was man von den einzelnen Maßnahmen hält, sollte das niemanden überraschen.
Jetzt haben Wissenschaftler nochmal schwarz auf weiß aufgeschrieben, warum es noch lange dauern wird, bis die Maßnahmen Ergebnisse zeigen und ob wir auf dem richtigen Weg sind. Vor allem Politiker sollten sich nochmal genauer damit befassen. Denn einer der Knackpunkte, den die Forscher um den Mediziner Boyd Swinburn von der Deakin University in Melbourne im Fachjournal „The Lancet“ ausgemacht haben, ist die – in Deutschland und Großbritannien – durchgefallene Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln, die auf einen Blick Auskunft darüber gibt, wie kalorienhaltig ein Produkt ist und ob es einen großen Anteil an potentiell ungesunden Bestandteilen wie raffiniertem Zucker hat. Die Politiker sind schlicht vor der Lebensmittellobby eingeknickt.
Die Ampelkennzeichnung ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Baustein. Kaufentscheidungen werden schnell getroffen, es reicht nicht, sich darauf zu verlassen, dass die Käufer nach der Gesamtkalorienzahl und Fett- oder Zuckergehalt gucken. Das machen im Zweifelsfall nur wenige, wer will schon ewig einkaufen und rechnen; und sie helfen im Grunde auch nicht, denn die Gramm-Angabe sagt nichts darüber aus, welche Kalorienmenge die einzelnen Fraktionen enthalten. Soll ein ähnlicher Effekt erzielt werden, wie beim starken Senken der Raucherzahlen, so schreiben die Wissenschaftler, gehört die sozusagen leicht verdauliche Kennzeichnung der Lebensmittel auf jeden Fall mit ins Maßnahmen-Portfolio.
Auch bei der noch viel drastischeren Beschriftung der Zigarettenschachteln mit Hinweisen über die gesundheitsschädigenden und tödlichen Auswirkungen des Rauchens hat die Industrie Zeter und Mordio geschrien. Doch ein Mix aus dieser und weiteren Gegenmaßnahmen – sowie der Erfindung des Nikotinpflasters – hat es in der Summe geschafft, die Raucherquote von 40 auf 20 Prozent zu senken:
- – Verbot von Tabakwerbung im Fernsehen
- – Erhöhung der Tabaksteuer und
- – Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden und Restaurants.
Auch für den langen Umschwung in Sachen Übergewicht – Wunder dauern ja bekanntlich etwas länger – plädieren die Forscher für einen Maßnahmenmix und zwar konzertiert in verschiedenen Bereichen. Das mag jetzt einfach und wohlfeil erscheinen, passiert in der Form aber noch nicht flächendeckend. Deshalb gehört es auch immer wieder ins Bewusstsein gerufen. Um die Zahl der Übergewichtigen wieder deutlich zu senken, schlagen Swinburn und Co. ähnlich drastische Maßnahmen wie bei der Senkung der Raucherquote vor. Dazu gehören unter anderem eine Steuererhöhung für ungesunde Lebensmittel wie stark zuckerhaltige Getränke, eine deutliche Einschränkung von Werbung für solche Lebensmittel, wenn sie auf Kinder zielt und die Ampelkennzeichnung. Einzelne Maßnahmen wie Preiserhöhung funktionieren, das hat die Preiserhöhung für Alkopop-Getränke gezeigt. Aber die Politik muss bereit sein, weitere unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. Alles andere ist nur Drumherumgerede. (vsz)