EU plant Retrodigitalisierung von Bibliotheksbeständen

Die Europäische Kommission will in einer konzertierten Aktion der Mitgliedsstaaten die Bemühungen verstärken, das geschriebene und audiovisuelle Kulturerbe Europas im Internet verfügbar zu machen.

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  • Richard Sietmann

Die Europäische Kommission will in einer konzertierten Aktion der Mitgliedsstaaten die Bemühungen verstärken, das geschriebene und audiovisuelle Kulturerbe Europas im Internet verfügbar zu machen. Zu diesem Zweck hat sie jetzt eine bis zum 20. Januar 2006 andauernde Online-Konsultation gestartet, die anschließend in eine Empfehlung zur Digitalisierung, digitalen Archivierung und Online-Verfügbarkeit münden soll. Damit verfolgt die Kommission vor allem das Ziel, die Zersplitterung und Doppelarbeit nationalstaatlicher Initiativen auf dem Gebiet der Retrodigitalisierung zu überwinden. Den in Frage stehenden Bestand schätzt sie auf 2,5 Milliarden Bücher und gebundene Zeitschriften in Europas Bibliotheken sowie einige Millionen Stunden Film und Video in den Archiven der Sendeanstalten.

Unter Wahrung der Urheberrechte sollen Bürger digitale Inhalte für Studium, Arbeit und Freizeit nutzen können sowie Innovatoren, Künstler und Unternehmer das benötigte Rohmaterial erhalten. In der Praxis bedeutet das allerdings, dass nur vor 1930 geschaffenes Kulturgut wirklich frei zugänglich sein wird; für später geschaffene Werke müssen die Rechteinhaber im Einzelfall der Nutzung zustimmen. "Ohne kollektives Gedächtnis sind wir nichts und können nichts erreichen -- es definiert unsere Identität und wir nutzen es ständig für unsere Bildung, unsere Arbeit und unsere Freizeit", erklärt die für Informationsgesellschaft und Medien zuständige Kommissarin Viviane Reding zu dem im Rahmen der am 1. Juni 2005 verabschiedeten i2010-Initiative angesiedelten Vorhaben.

Innerhalb des sechsten Forschungsrahmenprogramms hat Brüssel bereits 36 Millionen Euro für Projektvorschläge zur Verfügung gestellt. Daneben soll das Programm eContentplus zwischen 2005 und 2008 weitere 60 Millionen Euro beisteuern, um die nationalen digitalen Sammlungen interoperabel zu machen und den mehrsprachigen Zugang zu den kulturellen Beständen zu erleichtern. Den Empfehlungsvorschlag zur Digitalisierung, digitalen Archivierung und Online-Verfügbarkeit will die Kommission im Juni 2006 vorlegen. Am Wochenende erst wurde bekannt, dass sich unter Beteiligung von Yahoo eine Open Content Alliance gebildet hat, die in Konkurrenz zu Googles Print Library copyright-freie Bücher einscannen und im Netz zur Verfügung stellen will. (Richard Sietmann) / (jk)