Das Handy als Geigerzähler
Japanische Firmen befriedigen fast jedes Kundenbedürfnis. Doch diesmal könnten sich die Ingenieure selbst übertroffen haben – mit einem Mobiltelefon, das radioaktive Strahlung misst.
- Martin Kölling
Japanische Firmen befriedigen ja bekanntlich fast jedes Kundenbedürfnis. Doch diesmal könnten sich die Ingenieure selbst übertroffen haben – mit einem Mobiltelefon, das radioaktive Strahlung misst.
Ich halte Nippon schon lange für die wohl beste Bedürfnisbefriedigungsgesellschaft der Welt. Wo es eine Nachfrage gibt, so verschroben sie auch sein mag, in Japan wird sie meist ohne moralische Vorbehalte befriedigt. In Maid-Cafes können verklemmte Nerds mit jungen, kostümierten Mädchen flirten. Ein Beispiel aus der Technik ist das legendäre elektronische Küken Tamagotchi. Doch nun haben sich die Japaner selbst übertroffen: Sechs Monate nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat der japanische Netzbetreiber NTT Docomo ein Konzept vorgestellt, das Smartphones in ein Dosimeter-Handy zur Messung der radioaktiven Strahlung verwandeln kann.
Die Umsetzung ist verblüffend einfach, japanisch pragmatisch und ermöglicht nebenbei ein ganz neues Geschäftsmodell: den Verkauf von Handy-Modulen je nach Einsatzzweck. Docomo hat eine Handyhülle erdacht, in die die jeweiligen Sensoren eingearbeitet sind. Durch den Einschub in das Sensormodul transformiert sich das Handy dann in einen Strahlenmesser mit großem Display, Speicher und Internetanschluss. Wahrscheinlich könnten die Kunden sogar ihre ganz persönliche Strahlendosis auf Karten verfassen. Werden die Informationen mit anderen Kunden geteilt, entsteht eine genaue Strahlenkarte in Echtzeit. Der Mensch wird zur lebenden und mobilen Strahlenmessstation, keine schlechte Idee.
Darüber hinaus denkt Docomo über andere Module nach. Eines soll das Körperfett messen können (vor ein paar Jahren hatte Docomo diese Funktion noch in ein Konzepthandy verbaut). Andere dienen zur Messung der UV-Strahlung im Sonnenlicht (für die auf ihren bleichen Teint bedachte Japanerin sicher ein Zukunftsmuss) oder des Alkoholgehalts im Atem. Ein anderes Gerät misst die Acetonkonzentration im Atem, um die Diät zu unterstützen. Ein hoher Anteil heißt entweder, dass man hungrig ist oder gerade viel Fett verbrennt.
Auf der japanischen Elektronikmesse Ceatec will Docomo die Konzepte ausstellen, um die Reaktionen des Publikums zu messen. Ich bin schon mal gespannt auf das Ergebnis vor Ort. Vielleicht schafft ja der sehr spezielle Nutzwert der Module etwas, an dem sich die Hersteller bisher die Zähne ausgebissen haben: dem modularen Handy zum Durchbruch zu verhelfen. Bisher sind aller Versuche – sogar das geekige Fujitsu F04 – auch im technikverrückten Japan gefloppt. (bsc)