Public-Knowledge-Projektgründer plädiert für "Kultur des Teilens"

Der Stanford-Professor John Willinsky setzte sich auf einer Tagung in Berlin für die Rückbesinnung auf die Wurzeln der wissenschaftlichen Kommunikation ein. Dabei bezog er sich auch auf die Ordensregel der Benediktiner.

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Von
  • Richard Sietmann

Der freie Zugang zur wissenschaftlichen Literatur und damit zu den Ergebnissen der öffentlich finanzierten Forschung, für den sich die Open-Access-Bewegung einsetzt, stellt nur auf den ersten Blick einen Bruch mit der kommerziellen Vermarktung wissenschaftlicher Veröffentlichungen und den sich darum rankenden geistigen Eigentumsrechten dar. Diese These vertrat Stanford-Professor John Willinsky, auf der PKP Scholarly Publishing Conference 2011 an der Freien Universität Berlin. Historisch sei die Kultur des Teilens von Ergebnissen und Erkenntnissen sehr viel älter als das Verlagswesen und sogar als die Erfindung des Buchdrucks überhaupt.

Auf der dreitägigen internationalen Veranstaltung mit 250 Teilnehmern aus 40 Ländern geht es – 20 Jahre nach der Öffnung des Preprint-Servers xxx.lanl.gov am Los Alamos National Laboratory in den USA, über den zunächst die Hochenergiephysiker ihre Aufsätze öffentlich zugänglich machten, und 10 Jahre nach der Budapest Open Access Initiative, die im Dezember 2001 zum freien und unbeschränkten Zugang zur wissenschaftlichen Fachliteratur im Internet aufrief – um den Stand, die Perspektiven und die Hindernisse der wissenschaftlichen Kommunikation im Zeitalter des Internets.

Willinsky hatte 1998 das Public Knowledge Project (PKP) an der University of British Columbia ins Leben gerufen, das auf der Basis freier und offener Software Redaktionssysteme für die Herausgabe von Zeitschriften (Open Journal Systems) und zur Durchführung von Tagungen (Open Conference Systems) entwickelte, um weniger abhängig von kommerziellen Wissenschaftsverlagen und deren auf Zugangsbeschränkungen beruhenden Geschäftsmodellen zu sein. Nach seinen Angaben gibt es weltweit inzwischen mehr als 10.000 Installationen, die Hälfte davon in Entwicklungsländern. Wenn auf diese Weise auch nur 5000 neue E-Journals entstanden sein sollten, dann mache das je nach Schätzung 10 bis 20 Prozent der weltweit erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften aus. "Das war nicht unsere Absicht, aber damit stehen wir jetzt in der Verantwortung". Es komme nun darauf an, die Weiterentwicklung der Systeme dauerhaft zu sichern.

In seiner Keynote versuchte Willinsky zu begründen, "warum wir der Vorstellung anhängen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse so frei und so weit wie möglich zirkulieren sollten". Dazu holte er weit in die Vergangenheit aus. Bereits im frühen Mittelalter habe das intellektuelle Leben in den Ordensgemeinschaften und Klöstern, den Vorläufern der Universitäten, ein Gegengewicht zur weltlichen Ordnung des Eigentums dargestellt. So forderte etwa die Ordensregel der Benediktiner seit der Gründung des Ordens im sechsten Jahrhundert die Entsagung des persönlichen Eigentums. In den Klosterstuben vervielfältigten die Mönche Bücher durch mühevolles Abschreiben und reicherten sie durch Randbemerkungen mit ihrem Wissen an, aber "niemand besaß die Bücher"; sie wurden eifrig verliehen oder ausgetauscht und ihr Inhalt weitergegeben, wie Willinsky ausführte. So hätten die Mönche "Werte für die nächste Gruppe von Lesern" geschaffen.

Dieses Teilen anstelle von Ausgrenzung stehe nicht einmal im Gegensatz zu der erst sehr viel später im 17. Jahrhundert entstandenen Philosophie John Lockes, der es als Naturrecht ansah, dass man sich Eigentum durch Arbeit erwerbe. Das bedeute im Kern, "wir haben ein Anrecht auf Eigentum, weil das Werte schafft", erläuterte Willensky. Diese Auffassung sei in den angelsächsischen Ländern besonders stark verwurzelt, wo "das Eigentum, in vielen Fällen jedenfalls, über der Demokratie steht".

Doch auch in der Wissenschaft würden Werte geschaffen. "In der akademischen Gemeinschaft haben wir eine Ökonomie gebildet, in der die Wertschöpfung durch die gemeinsame Nutzung entsteht". Die Wertschöpfung komme aber erst zum Tragen, wenn die Wissenschaft öffentlich ist, sodass andere die Erkenntnisse aufgreifen und weiterentwickeln können. "Spuren des klösterlichen Ansatzes", als Gegenwelt zur kommerziellen Verwertung, sieht Willinsky in den Universitäten noch existent. "Wir haben es mit einer anderen Art von geistigem Eigentum zu tun als Lady Gaga", meinte er, "aber wir neigen dazu, das aus den Augen zu verlieren". (anw)