Die Woche: MeeGo und der Schweinezyklus
Moblin, Maemo, MeeGo und jetzt Tizen: Kaum zwei Releases der Mobile-Linux-Plattform tragen den gleichen Namen. Was den Anwender verwirrt, bedeutet für Entwickler massiven Mehraufwand, denn letztere müssen ihre Programme stets auf die geänderten Development-Plattformen portieren.
Man könnte denken, die Mobile-Linux-Plattform der Linux Foundation habe chinesische Wurzeln. So, wie beim Chinesischen Kalender jedes Jahr das Tierzeichen wechselt, bekommt die Plattform ständig neue Namen verpasst, von Maemo und Moblin über MeeGo bis aktuell Tizen.
Was Kunden schlimmstenfalls verwirrt und vom Kauf der auf dem Markt befindlichen Produkte abhält, bedeutet für die Entwickler handfeste Mehrarbeit: Denn mit jedem Namenswechsel und Projektzusammenschluss änderte sich auch die System Development Platform.
Das Jahr des Hahns war gerade angebrochen, als Nokia 2005 die Maemo Development Platform aus der Taufe hob. Wer Programme für Maemo entwickeln wollte, benutzte dafür das GTK-basierte Hildon-Framework. Das Jahr des Schweins hatte gerade begonnen, als Intel im Februar 2007 seine Mobile-Linux-Aktivitäten im Moblin-Projekt sammelte – auch hier war das Framework der Wahl GTK.
Doch mit dem Kauf von Trolltech kam Qt zu Nokia, weshalb sich die Maemo-Entwickler im Jahr des Büffels (2008) mit Qt anfreunden mussten. Die Moblin-Programmierer traf dieses Los erst im Folgejahr, dem Jahr des Tigers, als Nokia und Intel ihre beiden Projekte verschmolzen und in MeeGo unbenannten. Ganz ungeschoren kamen aber auch die Maemo-Entwickler nicht davon, denn Intel hatte beim Entwurf der künftigen gemeinsamen Plattform ein gehöriges Wort mitzureden.
Und jetzt, wo der Tiger das Szepter an den Hasen übergeben hat, wird wieder alles über den Haufen geworfen: Nokia hat die MeeGo-Entwicklung aufgegeben, und Intel hat mit Samsung einen neuen Partner gefunden – ausgerechnet aus dem konkurrierenden Lager der LiMo Foundation, das bislang ein GTK-Framework verwendet.
Wer jetzt glaubt, die früheren Moblin-Entwickler könnten wieder zu GTK zurückkehren, hat sich geschnitten. Die Verantwortlichen, darunter Intel-Entwickler Imad Sousou, glauben an eine große Zukunft von HTML5 auf mobilen Geräten und wollen deshalb Qt zusammen mit dem Projektnamen MeeGo beerdigen. Die neue Mobile-Linux-Plattform heißt Tizen und die neue Development Plattform auf Basis von HTML5 und JavaScript soll in Kürze vorgestellt werden.
Doch anscheinend haben die Verantwortlichen fĂĽr Tizen ihre Rechnung ohne die Entwickler gemacht. In Sousous MeeGo-Blog, in dem er das Ende der Plattform bekannt gibt, finden sich etliche Kommentare erboster Entwickler, die sich ĂĽber den erneuten Richtungswechsel mit deutlichen Worten beschweren. Kein Wunder, schlieĂźlich haben sie bald mehr Arbeit mit der Portierung ihrer Programme als mit deren Weiterentwicklung. Es ist also absehbar, dass nur ein Teil der MeeGo-Entwickler auf Tizen wechseln werden.
Aber auch an anderer Stelle schneidet man sich mit dem ständigen Wechsel des Projektnamens ins eigene Fleisch: Wer kauft schon ein MeeGo-Gerät, wenn die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass die Plattform beerdigt ist und es keine Updates mehr geben wird? Und wer weiß, was im bevorstehenden Jahr des Drachens aus Tizen wird? (mid) (mid)