Ceatec 2011: Vielfalt statt Einfalt
Asiens größte Konsumelektronikmesse zeigt in diesem Jahr zwei Haupttrends. So wollen Japans Hightech-Konzerne global angreifen. Und aus Geräten werden immer häufiger Systeme.
- Martin Kölling
Asiens größte Konsumelektronikmesse zeigt in diesem Jahr zwei Haupttrends. So wollen Japans Hightech-Konzerne global angreifen. Und aus Geräten werden immer häufiger Systeme.
Manchmal ist weniger bedeutsam, was man sieht, sondern was fehlt. Diese Erkenntnis trifft dieses Jahr besonders auf Asiens Trendsetter in Sachen Elektronik zu, die Ceatec-Messe, die seit Dienstag in Japan läuft. Die ganz großen Premieren wie Sonys Head-mounted-Display in 3D, Panasonics Prosumer-3D-Camcorder oder Toshibas superflaches Tablet wurden der Welt nicht zuerst in Japan, sondern vorigen Monat auf der größten Konsumelektronikmesse der Welt gezeigt, der IFA in Berlin. Deswegen die Ceatec abschreiben zu wollen, wäre allerdings verfrüht. Zum einen gibt es immer noch beeindruckende technische Spielereien zu entdecken wie NTT Docomos Geigerzähler-Handy, über das ich an dieser Stelle vor zwei Wochen geschrieben habe. Zum anderen habe ich zwei Trends entdeckt, die Spannung für die kommenden Jahre versprechen.
Der erste Trend ist eine Akzentverschiebung der japanischen Elektronikkonzerne. Sie wollen Apple, den Chinesen und Samsung nicht mehr den Weltmarkt überlassen und blasen global zum Angriff. Daher erfinden und entwickeln sie zwar weiter in Japan, dem größten technischen Freilandlabor der Welt. Aber statt ihre Hightech erst daheim zu zeigen oder zu verkaufen und damit global Werbepotenzial zu vergeuden, werden die Premieren nun marktstrategisch dort platziert, wo global gesehen die Musik abgeht. Und diese Orte sind – noch immer – die US-amerikanische CES und – immer mehr – die IFA, die sich zur globalen Leitmesse gemausert hat (die Zahl der Fachbesucher hat sich verdoppelt, die der ausländischen Journalisten ist auf über 2000 gestiegen). Diese Veränderung ist vielleicht ein wenig schade für die Ceatec, aber verbessert die Chancen der japanischen Unternehmen, im Kampf mit den Rivalen nicht immer nur zweiter oder dritter Sieger zu bleiben. Es dürfte künftig lebhafter auf den Elektronikmärkten werden.
Der zweite Trend: Die großen technischen Neuerungen (von falt- und nicht faltbaren OLED-Displays und Leuchten einmal abgesehen) liegen grundsätzlich im Markt, Gadgets allein stehen daher nicht mehr im Mittelpunkt. Stattdessen setzt die Industrie immer stärker auf Systemlösungen. "Anstatt zu fragen, was ein Gerät leisten kann, hat sich der Fokus auf die Ebene der Dienstleistungen verschoben", sagt Kaz Yoshida, der Chef von Intel Japan. Das Stichwort ist dabei beileibe nicht neu, aber immer noch revolutionär: das ubiquitäre Zeitalter dräut nun wirklich. Den Anfang machte der Siegeszug des mobilen Internets in Japan. Apple hat den Trend mit iTunes, dem App Store und nun iCloud endgültig globalisiert. Nun erfasst die Welle auch Lebensbereiche jenseits von Smartphones, Tablets und PCs wie das Auto und das Haus.
Folgerichtig dominieren an den Ständen Lösungen zur Vernetzung von allerlei, von IT-Geräten bis hin zu integrierten Energiemanagementsystemen, Solaranlage, Lithium-Ionen-Speicher und vernetzte Haushaltsgeräte und Haus inklusive. Panasonic treibt die Idee auf der Ceatec auf die Spitze und präsentiert prominent seine vollvernetzte Ökostadt Fujiwara SST. Dabei handelt es sich um nichts weniger als das weltweit erste Konzept einer schlüsselfertigen Stadt des Internet-Zeitalters.
Ich sehe diese Entwicklung einerseits mit Erleichterung. Vielleicht können wir das Nerv tötende Wetteifern immer bulimischerer Produkte (mein Tablet ist dünner als deines) oder gigantomanischer Spezifikationen (meine Kamera hat aber 18, 24, 39 Megapixel) ein wenig verdrängen, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Andererseits werde ich ein wenig kribbelig, weil wir an der Schwelle zu einer neuen, voll vernetzten Welt stehen, ohne deren Folgen umfassend abschätzen zu können. Anders gesagt: Unser gesamtes Leben verfängt sich im allgegenwärtigen Internet. Und wir wissen noch nicht, ob wir uns dadurch freier oder eingeengt fühlen werden. (bsc)