Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne

Über modernsten Müßiggang, Serendipität und die traurige Effizienz.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Peter Glaser

Über modernsten Müßiggang, Serendipität und die traurige Effizienz.

Schon dass er ein Gänger ist, zeigt, dass der Müßiggänger keineswegs untätig ist. Eine Irrmeinung ist auch, dass der Müßiggang aller Laster Anfang sei. Denn wirklich faule Menschen sind oft enorm fleißig – damit sie möglichst bald wieder faul sein können.

Durch den diktatorischen Hinweis "Sex sells!" wird gern übersehen, dass Faulheit – wie man den Müßiggang auch nennen darf – ein ebenso wirkungsmächtiger Antrieb des menschlichen Daseins ist. Eine der Leitströmungen der Weltwirtschaft ist allein mit den Verwertungsformen von Faulheit befasst, Ökonomen nennen das Convenience. Zu diesen Bequemlichkeiten zählt alles, was einem Arbeit, eine Handbewegung oder einen Weg abnimmt – vom bratfertigen Fischstäbchen bis zum Musikdownload im Netz. Die größte Muße-Maschine des Planeten ist nun das Internet. Am Computer kann man aber auch beispielhaft sehen, wie die Beschleunigung des Stillstands zum Hauptziel der Technologie geworden ist. Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die hochgetakteten Maschinen sozusagen immer schneller warten, weil wir Nutzer nie zügig genug sein können.

Den rasanten Schaltgeschwindigkeiten der Computer steht das Programmieren als Extremform von Zeitlupe gegenĂĽber. Oft wochen- oder monatelang tĂĽfteln Programmierer, indem sie dessen geplantes Geschehen Sekundenbruchteil fĂĽr Sekundenbruchteil in ihren Spezialsprachen beschreiben, an einem Ereignis, das sich schlieĂźlich innerhalb eines Augenblicks abspielen wird: dem Programmlauf.

Junge Menschen heben gern ihre besondere Leistungsfähigkeit im Faulsein hervor. Ihr Ideal ist die von allen bewunderte Eleganz der dösenden Katze. Ich hatte mal einen Freund, der so faul war, dass er nur vom Sofa aufstand, wenn jemand neben ihm sich gerade erhob und er den Luftsog des Aufstehenden ausnutzen konnte. Er aß am liebsten Joghurt, weil ihm jemand erklärt hatte, dass Joghurt lebt und er davon ausging, dass er das Nahrungsmittel nicht schlucken muss, sondern es in ihn reinkriecht. Einmal hatte er ein Joghurt, aber keinen Löffel und bekniete alle Anwesenden, ihm aus der Küche einen Löffel zu holen; aber die Menschen waren kaltherzig. Also suchte er nach dem löffelähnlichsten Gegenstand in seinem Greifradius und nahm das Joghurt schließlich mit dem Korpus eines Plastikfeuerzeugs zu sich. Man mag das albern finden, aber als Improvisationstraining schlägt das Müßige oft genialische Funken.

Die für das Müßiggehen typische intuitive Bewegungsweise hat längst eine dem digitalen Zeitalter gemäße Form gefunden. Im Deutschen gibt es für sie noch kein angemessenes Wort, im Englischen nennt man sie Serendipity. Serendipisieren bedeutet, etwas Interessantes zu finden, das man eigentlich gar nicht gesucht hat – ein Phänomen, das jeder Suchmaschinennutzer kennt.

Es gibt eine weitere, sehr verbreitete Spezialform der Suche, nämlich die nach dem wirtschaftlichsten Weg – die sogenannte Effizienz. Taxifahrern, die mich fragen, welche Strecke sie fahren sollen, sage ich gelegentlich: die schönere. Die traurige Form der Effizienz führt zu nichts als Ergebnissen. Da man in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft offenbar an nichts anderem interessiert ist, bleibt es dem unbekümmerten Rest der Menschheit vorbehalten, das Nichteffiziente, also die ganze Fülle und aberwitzige Pracht des Lebens zu erkunden und durch die Seitengassen und neugierig bis vergnügt in die überraschenden Abzweigungen der Weltinformationsmasse zu taumeln. Das probate Mittel hierfür ist der Müßiggang. (bsc)