(Wie) wirkt die Wirtschaftspolitik?
Der wichtigste Forschungspreis für Wirtschaftswissenschaften geht an zwei US-Forscher: Thomas Sargent und Christopher Sims haben Methoden geschaffen, mit der sich die Wirksamkeit und Wirkung politischer Maßnahmen besser abschätzen lässt.
- Sascha Mattke
Der wichtigste Forschungspreis für Wirtschaftswissenschaften geht an zwei US-Forscher: Thomas Sargent und Christopher Sims haben Methoden geschaffen, mit der sich die Wirksamkeit und Wirkung politischer Maßnahmen besser abschätzen lässt.
Der Preis der schwedischen Reichsbank für besondere Leistungen in den Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an die US-Ökonomen Thomas J. Sargent und Christopher A. Sims. Die beiden Forscher haben laut der Begründung der Royal Swedish Academy of Sciences, die auch die Nobelpreise vergibt, unabhängig voneinander Methoden entwickelt, die heute "unverzichtbare Werkzeuge bei makroökonomischen Analysen sind". Dabei geht es jeweils darum, wirtschaftliche Auswirkungen von geld- oder fiskalpolitischen Entscheidungen zu prognostizieren.
Das Problem dabei ist, dass sich in der Volkswirtschaft kaum kontrollierte Experimente durchführen lassen – man kann beispielsweise nicht die Leitzinsen für einen Teil eines Landes erhöhen und für einen anderen nicht und dann die Unterschiede vergleichen. Aus diesem Grund wird mit historischen Daten gearbeitet und versucht, die Wirkung einer in der Vergangenheit erfolgten Maßnahme daraus abzuleiten. Dies jedoch ist schwierig und fehlerträchtig, unter anderem weil aus statistischen Korrelationen noch keine Ursache-Wirkungs-Beziehung abgeleitet werden kann und weil es Wechselwirkungen zwischen mehreren Einflussfaktoren geben kann.
Sargent wie Sims haben seit den 70er Jahren versucht, dieses Problem zu umgehen. Von Sargent stammt die Idee, ein strukturelles makroökonomisches Modell zu entwickeln, das die reale Wirtschaft möglichst gut abbilden soll. Es besteht aus Gleichungen, die Zusammenhänge wie etwa den zwischen der Höhe der Leitzinsen und den privaten Konsumausgaben wiedergeben. Gleichzeitig werden darin Rückkoppelungseffekte berücksichtigt – beispielsweise hängt die von den Bürgern erwartete Inflation im Modell davon ab, welche Inflationsprognose das Modell selbst generiert.
Im Idealfall entsteht auf diese Weise ein Modell, in dem grundlegende Zusammenhänge aus der wirtschaftlichen Wirklichkeit realitätsnah festgehalten sind – historische Daten lassen sich dazu nutzen, die Stärke der zunächst nur angenommenen Wirkungsbeziehungen zu testen. In dieses Modell lassen sich dann Änderungen bei Variablen, etwa ein anders formuliertes Ziel für die Zentralbank, eingeben und die Auswirkungen dieser Maßnahme prognostizieren.
Während Sargent sich eher mit langfristigen, strukturellen Änderungen beschäftigt, liegt der Forschungsschwerpunkt seines Co-Preisträgers Sims auf den Folgen von "Schocks", also überraschenden Änderungen wie etwa einer plötzlichen Leitzinsanhebung oder steigenden Ölpreisen. Den in den 1970er Jahren vorherrschenden makroökonomischen Modellen setze er die Methode der "Vektorautoregression" (VAR) entgegen. Dabei werden Prognosen für die Entwicklung einer Variable schlicht aus den Vergangenheitswerten dieser und anderer Variablen erstellt.
Schon diese einfach Methode fand schnell Anhänger, weil sie relativ gute Prognosen lieferte. In seiner weiteren Arbeit entwickelte Sims dann eine Verfeinerung, die eine Unterscheidung zwischen gewöhnlichen und "fundamentalen" Schocks erlaubt. Letztere sind als ursprüngliche Ursache für eine Änderung zu verstehen statt nur als Folge eines anderen Schocks woanders im Wirtschaftssystem. Beim Beispiel einer Leitzinssenkung ist es für Sims nur dann sinnvoll, ihre Folgen zu analysieren, wenn es sich bei ihr um einen fundamentaler Schock handelte – ansonsten wäre es sinnvoller, sich mit der Ursache für die Zinssenkung zu beschäftigen. Aus der Betrachtung nur der fundamentalen Schocks in der Vergangenheit lassen sich dann wieder Prognosen für ähnliche Ereignisse in der Zukunft ableiten.
Die Arbeit der beiden Preisträger werde "hoffentlich dazu beitragen, einen Weg aus dem aktuellen Durcheinander zu finden", sagte der frisch geehrte Sims in einer Telefonschaltung in die Pressekonferenz zur Vergabe. Für einen Hellseher hält er sich jedoch gewiss nicht. Gefragt, wie er denn das Preisgeld von umgerechnet rund einer halben Million Euro anlegen wolle, antwortete er: "Erst einmal eine Weile in bar liegen lassen und nachdenken." (bsc)