Die Brillen-App
Bisher zeichnen Messgeräte und Apps Gesundheitsdaten nur auf. Eine neue App greift nun – als eine der ersten ihrer Art – auch therapeutisch ins Körpergeschehen ein und soll die Lesebrille zumindest teilweise überflüssig machen.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Derzeit schießen neue Geräte und Apps, mit denen Gesundheitsdaten, Bewegung und Ruhezeiten und sogar die Stimmung aufgezeichnet und überwacht werden können, wie Pilze aus dem Boden. In dem Artikel „Das vermessene Leben“ hatte Technology Review eine ganze Reihe dieser Anwendungen und die damit einhergehende neue Gesundheitsbewegung vorgestellt: All diese Messwerte sollen uns dabei helfen, gesünder und vernünftiger zu leben und Krankheiten sowie Therapien besser auf einzelne Patienten abzustimmen.
Bisher zeichnen diese Anwendungen nur auf, was im Körper passiert. Doch es gibt erste Anzeichen für einen neuen Trend: Bald könnten Apps auch therapeutisch ins Körpergeschehen eingreifen. Das verspricht zum Beispiel das Unternehmen US-Unternehmen Ucansi über seine iPhone-App GlassesOff, die bei Altersweitsichtigkeit die abnehmende Fokussierfähigkeit der Augenlinse durch eine Art Gehirntraining teilweise wieder ausgleichen soll.
Im Alter nimmt die Elastizität der Linse ab und das Auge kann immer schlechter auf nahe gelegene Objekte im Sehfeld scharf stellen. Wer diese nahen Bereiche nicht verschwommen sehen will, muss bisher zur Lesebrille greifen. Das Spannende an der GlassesOff-App ist, dass sie den Fehler der Linse – zumindest ein Stück weit auszugleichen vermag – indem sie dem Gehirn beibringt, einen Teil der Verschwommenheit aus dem Bild herauszurechnen.
Dafür zeigt das Programm zunächst einen weißen Kreis auf dem Bildschirm. Anschließend blendet die App eine Reihe von Bildern ein, die an verschiedenen Stellen des Bildschirms verschwommene Kreismuster zeigen. Ist eines dabei, dessen Position mit der des ersten Kreises übereinstimmt, soll der Anwender den Touchscreen seines Mobiltelefons berühren. Auf diese Weise wird das Gehirn offenbar darauf trainiert, mit verschwommenen Bildern besser klarzukommen.
Wie das Magazin „New Scientist“ schreibt, konnten Probanden, die im Schnitt 50 Jahre alt waren, nach 40 Trainingseinheiten deutliche Verbesserungen verzeichnen und auf der Sehtest-Pyramide – bei der die Größe der Buchstaben schrittweise abnimmt – zwei Reihen mehr erkennen als die Probanden, die nicht mit der App geübt hatten und darüber hinaus auch wieder etwas schneller lesen. Insgesamt entsprach das den Wissenschaftlern zufolge einer Abnahme des Augen-Alters von 50,5 auf 41,9 Jahren.
Nun ist die App, die laut Ucansi Anfang 2012 erhältlich sein wird, kein Heilmittel. Sie kann sie die Verschlechterung der Sicht wohl nur vorübergehend aufhalten. Zudem soll sie immerhin 95 Dollar für eine zeitlich begrenzte, dreiwöchige Trainingsphase kosten – und eine noch nicht genannte Monatsgebühr für weitere Übungseinheiten. Aber für einen Rückenschule- oder Yogakurs zahlen wir schließlich auch. (vsz)