Die Hilfsautomaten
Roboter steigen in Japan zunehmend dort in das Leben ein, wo die Menschen allein nicht mehr weiter kommen.
- Martin Kölling
Roboter steigen in Japan zunehmend dort in das Leben ein, wo die Menschen allein nicht mehr weiter kommen.
Ein Höhepunkt asiatischer Kreativität hat vorige Woche quasi zeitgleich mit der Ceatec stattgefunden: die japanische Gesundheitspflegemesse. Das Gedrängel war groß und die Messe erlebte ich als technisch nicht weniger anspruchsvoll und oft ideenreicher als die Konsumelektronikschau, die in den Medien weit mehr Aufmerksamkeit erhält. Einige Lösungen für Pflegefälle waren einfach nur hübsch: ein Plumpsklo im Rattanstil beispielsweise, dem man sein Plumpsklodasein nicht ansehen konnte. Ansonsten fiel auf, dass die Welt der japanischen Großindustrie massiv vertreten war, denn die hiesige Wirtschaft nimmt den sogenannten Silbermarkt sehr ernst (Bilder).
Ein großes Thema stellte die beräderte Mobilität dar. Alle japanischen Autobauer zeigten Flotten von Autos, die behindertengerecht umgebaut waren. Ein Kleinunternehmen erregte große Aufmerksamkeit mit einem Elektrodreirad für Rollstuhlfahrer. Der Rollstuhlfahrer rollt einfach auf eine Plattform zwischen den drei Rädern, zieht einen Bügel herunter, der den Rollstuhl von hinten umschließt und schon kann das Dreirad mit bis zu 40 km/h abgehen. Mit einem Akku soll das Gefährt 25 km, mit zwei Akkus 50 km schaffen.
Ein anderes Thema ist die Verlängerung der eigenen Mobilität. Ein Fertighaushersteller gab sich große Mühe, den Roboteranzug Hal von dem Roboterstartup Cyberdine zu vermarkten. Ein anderes Highlight gab es am Panasonic-Stand: ein sehr marktnahes Modell eines Transformer-Betts, das sich mit Patient auf der Matraze von einem Bett in einen Rollstuhl verwandelt. Dieses Roboterbett soll bettlägerigen Patienten zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. Im Vergleich zum Vorgänger war es bereits deutlich vereinfacht. Scherte beim Prototypen der Rollstuhlteil noch aufwändig aus der Mitte des Bettes aus, koppelt sich nun eine Hälfte des Bettes ab. Das ist relativ simpel, senkt die Produktionskosten und damit den Preis.
Die Roboter, von denen der Konzern auch noch zwei weitere vorstellte (mehr dazu in der kommenden Technology Review-Ausgabe 11/11) werden ab 2012 auf den japanischen Markt kommen. Sie werden damit mit die ersten nützlichen Hilfsautomaten im Lebensumfeld des Menschen werden. Dass sie sich über das Krankenzimmer oder das Altersheim einschleichen, ist natürlich kein Zufall, sondern ökonomische Realität. Von der Kundenseite aus gesehen können die Geräte in der heutigen Massenabfertigung von Heilung und Pflege bei hoher Auslastung sogar ihre noch extrem hohen Preise durch Personaleinsparungen wieder hereinholen. Roboter daheim können das nicht. Und die Kunden aus dem Gesundheitswesen haben Geld: Hersteller können daher die Preise so hoch setzen, dass sie selbst mit kleinen Stückzahlen Gewinne erzielen können, die sie in die weitere Entwicklung investieren können.
Die bis heute umstrittene Frage ist, ob diese Robotisierung nun gut oder schlecht ist. Mir persönlich gefällt der japanische Ansatz der Roboterentwicklung, mit technischen Hilfsmitteln die Selbstständigkeit der Menschen zu verlängern. Interessanterweise sind die bisherigen Techniken nicht invasiv, sprich sie respektieren die Unverletzlichkeit der Menschen. Cyberdines Roboteranzug Hal wird angeschnallt, der Mensch wird also nicht technisch zum Cyborg aufgerüstet. Cyberdine will nun auch andere anschnallbare Prothesen entwickeln.
Etwas unwohl ist mir bei den Geräten, die dem Menschen vermeintliche niedere Arbeiten wie das Haarewaschen abnehmen. Ein Argument für die Delegation von Handlangerdiensten an die Maschinen ist, dass das Pflegepersonal dann mehr "Quality Time" mit den Patienten verbringen kann. Ich aber befürchtete, dass dadurch mehr ungezwungene zwischenmenschliche Kommunikation und Nähe wegrationalisiert wird. (bsc)